Ahmad und die Rosen


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Ahmad verteilte Rosen, schenkte sie den Menschen, den lächelnden, den lebendigen, aber vor allem den verbitterten, jenen voller Gram. Denn nichts trägt so viel Liebe wie Rosen. Und Liebe führt zu Heilung, schenkt Glück, blüht auf in neuer Liebe. Die Rosen schloss Ahmad in sein Herz, wie die Menschen, obgleich die Liebe in ihm blühte, ohne Rosen zu bedürfen, sie waren sein Mittel, sein Weg.

Unbeachtet ließ er die dunklen Schatten, die auch verteilten, aber keine Rosen, sondern Unkraut, Stinkmorcheln, sogar Gift. Manches bewirkte nichts, anderes erschuf Hass. Jenen Hass, der den Rosen jede Wirkung versagte, der nichts hineinließ, außer Hässlichkeit. Selbst die Schatten verabscheute Ahmad nicht, vielleicht würden sie bald seine Brüder sein, würden mit ihm den Rosenduft verströmen.

Nur wenige Menschen konnten sie vergiften, wohl aber den meisten die Schädlichkeit der Rosen einflüstern. „Rosen sind nicht ohne Fehler“, wisperten sie, „die Menschen verabscheuen Rosen, sollen sie auch euch verabscheuen? Wer behauptet denn, dass Rosen heilen? Der Sohn der Rosen? Die Rosenzüchter bezahlen ihn, glaubt ihm nicht, er ist ein Fanatiker, ein Lügner, und gefährlich obendrein. Sucht keine Liebe bei diesem Irren, das Glück findet ihr bei uns allein.“ Die Schatten gewannen die Oberhand, scharrten die Menschen um sich.

Ahmad stand einsam, sie mieden ihn und seine Rosen. Trauer stieg in Ahmad auf, er sehnte sich danach zu geben, zu teilen. War denn Hass stärker als Liebe? Endlich schritt ein weiser Greis heran, er verbarg etwas, wie Ahmad spürte. Gleichwohl verdiente er die Liebe wie alle.

„Darf ich Ihnen von meinen Rosen schenken, von ihrem Duft singen?“ Vorsicht bestimmt Ahmads Rede, Missgunst hatte er erfahren.
Zu seiner Verwunderung lächelte der Fremde. „Deine Rosen behalte bei dir!“, sagte er. „Ich bin gekommen, dir zu verkünden, warum du allein stehst.“
„Den Grund kenne ich, doch Mittel dagegen habe ich keine“, entgegnete Ahmad. „Die Schatten verleumden, so meiden die Betrogenen mich.“
„Du irrst, nicht die Schatten ziehen die Menschen fort, du selbst stößt sie ab.“
„Wie das?“, fragte Ahmad. „Nie bin ich unfreundlich gewesen, habe niemanden gekränkt oder enttäuscht.“
„Deine Schwäche sind die Rosen! Liebe und Glück erstreben die Menschen noch immer, aber Rosen stehen im Verruf. Wenn du wahrlich Liebe schenken willst, so lass ab von den Rosen, wähle statt dessen Disteln.“
„Disteln? Weißt du denn nicht, dass Rosen in der Liebe unerreicht sind? Eine einzige Rose trägt mehr Liebe als tausende Disteln! Nein, bei Rosen bleibe ich.“
„Dies weiß ich, du hast recht. Doch wie viele Rosen verteilst du? Keine. Mit Disteln wirst du erfolgreich sein, und eines Tages die Menschen wieder zu den Rosen führen. Überfordere sie nicht in dieser Zeit, nutze Disteln!“

„Ich liebe Rosen“, dachte Ahmad, „doch was nützt es, wenn ich damit alleine bin. Mein Ziel ist die Liebe, nicht die Rosen. Und wenn die Rosen nicht wirken, so ist es weise, das Mittel zu wechseln und das Ziel zu bewahren. Disteln sollen mein Mittel sein.“

So verwandelte sich Ahmad, der Rosensohn, in Ahmad, den Distelsohn. Die Menschen kamen zu ihm zurück, wie einst, denn vor Disteln fürchteten sie sich nicht. Er sprach von der Schönheit ihrer lila Farbe, von ihrem Duft und der Liebe. Zwar kein Vergleich zu Rosen, aber doch war es Liebe und damit ehrenhaft und lauter.

Disteln waren ersprießlich, aber Ahmad hatte inzwischen viel mehr erreicht, als Blumen zu verteilen: Zahlreiche Schüler hatte er, der Meister, um sich versammelt, hatte die Distellehre begründet. Sogar manche Schatten waren darunter, aber das kümmerte ihn nicht. Er war nicht mehr vertrauensselig und weich wie früher, Härte und Stärke bestimmten seine Rede. Wer seine Lehre nicht achtete, den verjagte er. Fragenden spucke er ins Angesicht, verlachte sie. Disteln waren für ihn nunmehr kein Mittel zur Liebe, sie waren das Zeichen seines Lehrkreises, sein Machtsiegel. Doch zählte er sich zu den Guten, denn ein Schatten, solch armselige Kreatur, war er nicht.

Mitten in seiner Machtrede stand ein junger Schüler auf und sprach: „Meister Ahmad, wie kommt es, dass die Blumen von Mustafa stärker duften, als die unsrigen? Auch leuchten ihre Farben brillanter.“
„Abscheulicher Wicht!“, sagte Ahmad. „Willst du deinen Meister im Wissen über Blumen überragen? Ahnungslos bist du, hinfort mit dir, du Schnodder von Schattenkind.“ Er packte den Jungen, schleifte ihn zu diesem Wegelagerer Mustafa und warf ihn in dessen kümmerliches Gewächs. „Hier hast du deinen ersten Schüler, du Meister ohne Gefolge.“
„Was ist mit dir, du Meister der Lieblosen, dass du die Jungen beleidigst und die Alten verachtest? Haben dich deine Disteln so vergrämt?“
„Ein Mann meiner Erhabenheit streitet nicht mit Landstreichern, die Menschen mit Giftpflanzen betören, um sie zu berauben.“
„O Ahmad, erkennst du denn diese Giftpflanzen nicht?“
Ahmad erschrak, es waren Rosen, seine eigenen Rosen. „Diese sind heute ohne Wert, nur Disteln können erreichen, was mir gelingt.“
„Hat dich also der Meister der Schatten besucht?“, fragte Mustafa. „Er belauert seit je her uns Rosenliebhaber, und nicht wenige von uns führt er in die Dunkelheiten. Willst du nicht wiederaufleben?“
„Niemand betrügt mich! Ich bin Ahmad, der Meister, niemand führt mich, denn ich führe, wen ich will. Mein Mittel ist ohne Belang und deins ohne Erfolg. Der Greis mag ein Schatten gewesen sein, doch ist heute die Schar meiner Anhänger groß, und ich bin mächtiger als jeder Schatten, bin Frontheld des Guten! Lass ab von deiner Rede, störe mich nicht.“

Fortan sprach Ahmad weder über Liebe, noch über Disteln, auch nicht über Macht. Er warnte vor den tückischen Rosen, wie sie die Menschen vergiften, vor der Gaunerei der Rosenzüchter. „Wer hat bestimmt, dass Rosen das Heil bringen?“, fragte er. „Gott hat die Rosen nicht auserwählt. Dumm ist, wer sich von ihnen betören lässt.“

So ging er dahin, Ahmad, der Rosensohn, der Distelsohn, das Schattenkind, der leibhaftigen Schatten.

Link: Ahmad und die Rosen – Schia-Blog

 


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