Bedrohen Muslime die „christliche Lei(d)tkultur“ Deutschlands?


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Das Thema „Leitkultur“ taucht in unterschiedlichen Abstufungen immer wieder auf. Geprägt wurde dieser Begriff von Bassam Tibi. Später wurde der Begriff zunehmend benutzt, um die Integration (bzw. eher Assimilation) von Einwanderern zu unterstreichen.

Erst der damalige Fraktionsvorsitzende der CDU Friedrich Merz initiierte eine öffentliche Debatte um die „deutsche Leitkultur“ im Oktober 2000, vornehmlich im Zusammenhang mit Kopftuch tragenden Lehrerinnen, deren Kleidung er als „nicht akzeptabel“ bezeichnete.

Erst mal ist es schon bezeichnend, dass ausgerechnet ein gebürtiger Araber den Begriff „Leitkultur“ in die politische Debatte einführte, der inzwischen nur noch als Kampfbegriff gegen Muslime verwendet wird. Ob den ganzen Verfechtern der „deutschen Leitkultur“ das bewusst ist? 2012 Christian Wulff diese Leitkulturdebatte wieder angestoßen, in dem er ausgerechnet zum Tag der Deutschen Einheit feststellte: “Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.”

Muslime freuten sich erst darüber – meiner Meinung nach etwas voreilig, denn damit wurde nicht Ruhe in die von Sarrazin angeheizten Islamdebatten gebracht, sondern im Gegenteil noch Öl ins Feuer gegossen. Der antiislamische Furor hatte neue Wasser auf seinen Mühlen, aber so langsam gewöhnen wir uns auch daran.

Was ist aber nun „deutsche Leitkultur“, die Muslime „zu respektieren haben“, genau? Das bleibt leider immer noch im Unklaren, desgleichen die Forderung, Muslime hätten sich „von der Scharia zu distanzieren.“ Dabei wird aber – bewusst oder unbewusst – übersehen, dass das islamische Recht ausdrücklich vorsieht, die Gesetze des Landes zu achten, in welchem man sich aufhält, egal ob dauerhaft oder vorübergehend. Zweitens ist nirgends die Rede davon, den Deutschen das islamische Recht aufzuzwingen. Abgesehen davon, dass der Islam Zwang ablehnt: Wie wäre das auch möglich, bei einem Anteil von gerade mal 4 % Muslimen im Land?

Dass ausgerechnet der Ratsvorsitzende der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, Bischof Friedrich Weber, weiterhin die islamophobe Maschinerie anheizte, war traurig, aber wohl normal, allein ist er damit ja auch nicht. Weber behauptet, „dass die Werte des Islam nicht durch die Kritik der Aufklärung gegangen seien“.

Wieder so ein Schlagwort. Wenn Aufklärung bedeutet, dass Jugendliche schon früh wechselnde sexuelle Beziehungen haben, ohne dafür Verantwortung zu tragen und so viele verschiedene Lebensabschnittspartner hatten, dass sie völlig bindungsunfähig sind, keinen Respekt mehr von ihren Eltern haben und diese später ins Altenheim abschieben, von den ganzen Abtreibungen sowie Komasaufen gar nicht zu reden, ja, dann hat er recht, so eine „Aufklärung“ hat der Islam nicht durchlaufen. Hält er das denn eigentlich für wünschenswert, auch für die deutsche Gesellschaft? „Welches Recht gelten solle“, ist völlig unbestritten, nämlich die Gesetze Deutschlands. Warum wird ständig so getan, als wollten Muslime der nichtmuslimischen Mehrheit die Scharia überstülpen, wobei man noch nicht mal weiß, was Scharia eigentlich ist und dabei nur an Handabhacken, Steinigungen und Auspeitschungen denkt?

Das ist unwahr und im höchsten Maße verleumderisch. Die Ungleichbehandlung von Mann und Frau wird immer wieder ins Feld geführt für unsere Integrationsunfähigkeit und mit dem Islam begründet. Nicht dass es das nicht gäbe, aber warum tut man so, als gäbe es das nur bei Muslimen? Mit dem Islam hat es schon mal gar nichts zu tun, genauso wenig wie „Ehrenmorde“, Kriminalität und allgemein asoziales Verhalten, wie oft soll man es eigentlich noch betonen?

Dann wird gern wieder die Demografie bemüht, und man malt Schreckensbilder an die Wand „bald haben Muslime hier die Mehrheit, dann herrscht die Scharia, und wir sind nur noch Dhimmis, Hilfe Islamisiiiiiieeeerung!“. Vor ca. 20 Jahren war in der Türkei eine ähnliche Stimmung, dort wurde vonseiten des Staates alles, was irgendwie mit dem Islam in Verbindung gebracht werden konnte, als „irtica“ (Rückschritt) diffamiert.

Ich erinnere mich noch folgende Karikatur in einer türkischen Zeitung: Mehrere Männer rennen panisch vor irgendetwas davon und schreien „Irticaaaaa!“ . Ihr Schreckgespenst stellt sich als ein kleines Mädchen mit Kopftuch heraus, das sich fragt, was die Männer so in Panik versetzt. Und so ist es heute in Deutschland auch, nur dass es nicht „irtica“, sondern „Hilfe, Islamisierung“ heißt.

Liebe Leute, wir sind mit unseren 4 % noch weit davon entfernt, jemals „die Mehrheit“ hier zu stellen. Selbst wenn es so wäre, so heißt das noch lange nicht, dass dann die Scharia herrscht, da das in den meisten Ländern, in denen die Muslime die Mehrheit stellen, nicht der Fall ist. Wie schon erwähnt, lehnt der Islam es ab, dem Volk etwas aufzuzwingen. Die Bevölkerung des Iran wählte ihre Regierungsform per Referendum, das islamische Recht wurde ihr nicht aufgezwungen. Jedes Volk muss selber bestimmen, wie es regiert wird. Das gilt für Iran, für Palästina, Afghanistan genauso wie für Deutschland.

Wenn gar in manchen Artikeln von „Zerstörung der deutschen Nationalkultur“ die Rede ist, wenn der Islam hier als gleichberechtigte Religion betrachtet wird, oder von der „Islamisierung durch den Zionismus, um das deutsche Volk zu zerstören“, dann werden Muslime in die Nähe von Kulturzerstörern gerückt, auch wenn das – hoffentlich – nicht jeder Autor solcher Artikel so gemeint hat. Auf jeden Fall stimuliert das weiterhin Abwehrreflexe der Mehrheitsgesellschaft gegenüber uns, und das kann dem Zusammenhalt des deutschen Volkes nicht dienlich sein.

Christen, Juden und Muslime teilen im wesentlichen die Werte wie Aufrichtigkeit statt Lüge, Demut statt Arroganz, Genügsamkeit statt ungezügelter Konsum, Familienzusammenhalt statt Kampf der Generationen, Opferbereitschaft statt zügelloser „Selbstverwirklichung“, Gesetzestreue statt Anarchie, Friedfertigkeit statt den USA dabei zu helfen, uns auszuspionieren, und vieles mehr. Wäre es nicht sinnvoller, wenn wir uns darauf besinnen, statt ständig immer wieder neue Gräben aufzureißen? Wer hat ein Interesse daran, Christen, Juden und Muslime aufeinanderzujagen, und warum fallen immer mehr Leute – selbst sogenannte „Intellektuelle“ darauf herein? Muslime hätten gar nichts dagegen, wenn dieses Land wieder ein Stück weit „christlicher“ würde, als es bisher ist. Warum wird dann ständig suggeriert, dass Muslime eine Bedrohung der christlichen Leitkultur seien?

Warum ist man von rechts über Mitte bis Links nicht bereit oder fähig zu sehen, wer von diesem künstlich angeheizten Kulturkampf profitiert, und das nicht erst seit PEGIDA und Sarrazin? Auch wenn Letzterer eine unwahrscheinliche Hetzdebatte angefacht hat. Dass mittlerweile so gut wie jeder Politiker, egal ob rechts-, konservativ- oder linksorientiert, der etwas in Deutschland bewegen möchte, sich bemüßigt fühlt, auf diesen islamophoben Zug aufzuspringen, weil man damit Mehrheiten fangen kann, ist eine höchst virulente Folge davon.

Fazit: Die Bedrohung der christlichen Werte geht jedenfalls nicht vom Islam aus, sondern von Gottlosigkeit, Wertebeliebigkeit, Egoismus , Konsumwahn und einer wahnwitzigen Verdummungsmedienmaschinerie. All das steht im Dienste eines seelenlosen, menschenfressenden Monsters namens Kapitalismus, der wirklich nur noch als “Leidkultur” bezeichnet werden kann. Muslime in Deutschland bedrohen nicht die christliche Leitkultur – wohl aber die kapitalistische Leidkultur!


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