Chair Inschallah


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Ich erzähle dir eine wunderschöne Geschichte von einem König und seinem Wesir. Der König war ein gewöhnlicher König. Er war nicht besonders klug, aber auch nicht ganz dumm. Er war meistens freundlich, aber manchmal konnte er auch zornig werden.

Sein Wesir aber war ein kluger Mann. Immer wenn der König einen Rat brauchte und nicht weiter wusste, fragte er seinen Wesir. Der sagte ihm dann, was der König am besten machen sollte und meistens hielt sich der König daran.

Der Wesir war ein religiöser Mann. Immer, wenn etwas passierte, sagte er: „Chair inschallah.“ Das heißt also: Bestimmt ist das, was passiert ist, etwas Gutes, auch wenn wir das nicht erkennen und es für etwas Schlechtes halten. Denn Allah lässt Dinge geschehen, von denen wir nicht wissen, wozu sie gut sein werden.

Eine Tages kam eine Nachricht zum König, dass in der Stadt eine gefährliche Krankheit ausgebrochen ist, gegen die es keine Heilung gibt. „Wenn wir sie nicht heilen können, fürchte ich, können wir nichts weiter tun als abzuwarten“, sagte der König traurig. „Hoffentlich werden nicht zu viele Menschen krank.“ Der Wesir aber sagte nur: „Chair inschallah.“

An einem anderen Tag wurde dem König die Botschaft gebracht, dass sein Sohn in den Wald gegangen war und noch nicht zurückgekommen war, obwohl es schon sehr spät geworden ist. Der König befahl sofort, ihn zu suchen und nach kurzer Zeit wurde er auch schon gefunden. Er schimpfte mit seinem Sohn: „Wo bist du gewesen? Wieso gehst du alleine in den Wald?“. Der Sohn sagte nichts und ging schweigend auf sein Zimmer. Der König fragte den Wesir: „Was soll ich mit diesem Jungen nur anstellen?“, doch der Wesir lächelte nur und sagte: „Chair inschallah.“

Da war der König genervt: „Immer sagst du „Chair inschallah“. Was soll gut daran sein, dass viele der Menschen im Königreich krank werden wegen dieser Krankheit, die keiner heilen kann? Was soll denn gut daran sein, dass mein Sohn sich nicht für die Staatsgeschäfte interessiert und lieber im Wald spielen geht?“

Der Wesir sagte nur: „Ich weiß es nicht. Aber sicher ist, dass dies alles einen Sinn hat und das Allah nichts unabsichtlich macht.“ Der König war noch immer genervt, aber er sagte nichts. Der Wesir dachte sich: „Irgendwann wirst du selbst verstehen, wieso ich immer „Chair inschallah“ sage.“

Eines Tages entschloss sich der König, mal wieder dazu auf sein Pferd zu steigen und zur Jagd in den Wald zu reiten. Wie immer stieg auch der Wesir auf sein Pferd, um den König zu begleiten. Der König hatte es gern, wenn sein Wesir mitkam, denn gemeinsam waren sie erfolgreicher. Wenn der König müde war und ihm die Kraft fehlte, um den Bogen zu spannen, bat er den Wesir zu schießen. Und wenn der Wesir nicht mehr konnte, schoss wieder der König. So wechselten sie sich ab, bis sie wenigstens ein schönes, braunes Reh erschießen und mitnehmen konnten. Die Frauen nahmen dann das Reh und machten aus dem Fleisch leckeres Essen und aus dem braunen Fell schöne Kleider für die Kinder.

Doch dieses Mal war alles anders. Leider war das Pferd des Königs sehr ängstlich und bekam schon vor jedem kleinen Kaninchen Angst. Als sie mitten im Wald waren, raschelte es plötzlich in einem Gebüsch und das Pferd des Königs wieherte laut und rannte voller Angst mitsamt dem König auf seinem Rücken davon. Als es so voller Angst war, geschah es, dass das Pferd den König von seinem Rücken hinunter warf. Der König landete ganz unglücklich auf einigen Steinen und verletzte sich bei diesem schweren Sturz seine Hand.

Als der Wesir zu dem König kam, half er dem König auf. Dabei dachte der Wesir kurz nach und sagte dann: „Chair inschallah.“ Daraufhin tobte der König vor Wut: „Wie kannst du immer noch „Chair inschallah“ sagen, wenn ich mir die Hand breche? Freust du dich etwa? Geh weg von mir! Für heute jage ich alleine weiter.“

Der Wesir wurde etwas traurig. Dann zuckte er mit den Schultern, sagte einmal: „Chair inschallah“, und ritt alleine zurück zum Schloss.

„Jetzt ist er weg und ich habe noch immer kein Reh jagen können“, dachte der König. „Ach, ich werde es auch einmal ohne den Wesir schaffen“. Und so ging er ganz leise tiefer in den Wald hinein.

Als er sich tief in den Wald geschlichen hat, sah er im Gebüsch das Fell eines Rehs, wie es sich leise bewegte. „Das ist meine Chance“, dachte der König. Er nahm einen Pfeil, spannte damit seinen Bogen so gut er konnte und schoss auf das Reh. Doch weil seine Hand verletzt war, flog der Pfeil so langsam, dass er das Reh nur berührte, ohne es zu verletzen. „HEY!“, schrie einer ganz laut. Da erkannte der König, dass das Rehfell, das er gesehen hat, gar kein Reh war, sondern ein Junge. „Oh, es tut mir leid. Bist du verletzt?“, fragte der König und ging näher zu dem Jungen. Jetzt erkannte er, dass der Junge sein eigener Sohn ist, dessen Kleidung ein Rehfell war. „Sohn! Was machst du denn hier so alleine im Wald? Ich hätte dich fast erschossen!“. Der Sohn antwortete: „Vater! Mir ist etwas Wunderbares passiert! Ich gehe oft in den Wald und suche nach Heilkräutern. Jetzt habe ich hier genau die Heilkräuter gefunden, um die Krankheit zu heilen, die es in unserer Stadt gibt.“

So gingen der König und sein Sohn glücklich gemeinsam zurück. Der Sohn war glücklich, dass er mit den Heilkräutern die Krankheit heilen kann und der König war glücklich, dass seine Hand verletzt war. Denn sonst hätte er den Bogen viel stärker gespannt und vielleicht seinen eigenen Sohn erschossen. Er wollte dem Wesir unbedingt erzählen, dass die verletzte Hand tatsächlich „Chair“, also gut, war.

Als er in der Stadt ankam, traf er den Wesir und erzählte ihm alles: „Du hattest recht. Es war wirklich „Chair“, dass ich meine Hand verletzt habe. Aber was ist mit dir? Wieso soll das „Chair“ gewesen sein, dass ich dich nach Hause geschickt habe?“

„Aber König!“, antwortete der Wesir. „Wenn du mich nicht nach Hause geschickt hättest, hätte ich doch den Pfeil abgeschossen und deinen Sohn verletzt oder sogar getötet.“

So endet die glückliche Geschichte von dem König, seinem Sohn und dem Wesir. Merke dir: Egal wie schlimm deine Probleme sind, es steckt immer etwas Gutes dahinter. Glaube fest daran, dass das, was Allah für dich geplant hat, besser ist, als das, was du für dich selbst planst.

Allah (t.) sagt im Quran: Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist. Und vielleicht liebt ihr etwas, während es schlecht für euch ist. Und Gott weiß, ihr aber wißt nicht Bescheid. [2:216]


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