Bundespolizist Claus Nitz: Held von Sachsen


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Der Bundespolizist Claus Nitz ist nach Feierabend sehr schweigsam. Seine Ehefrau muss ihm jedes Wort rauskitzeln, wenn sie wissen möchte, wie sein Arbeitstag war. Doch gestern kam er von seinem Dienst spätabends direkt ins Schlafzimmer und weckte seine Frau, um ihr von seinem Einsatz vor einer Flüchtlingsunterkunft in Zintsulk zu erzählen.

„Schatz, warum weckst du mich? Ist was passiert?“, erschrak seine Frau und sprang auf.
„Etwas passiert? Du fragst, ob etwas passiert ist?“, sagte Claus mit weiter Brust. „Vor dir steht der Held von Sachsen“, prahlte Claus.
„Wurdest du befördert?“, kreischte sie.
„Nein, besser!“, sagte Claus.
„Hast du einem Menschen das Leben gerettet?“
„Nein, besser!“
„Nun, erzähl doch endlich!“

„Also“, fuchtelte Claus mit den Händen, „zuerst wurde ich um 19 Uhr nach Zintsulk beordert.“
„Wo ist Zintsulk?“, fragte seine Frau.
„Ach, so’n Ortsteil von Rechenberg-Bienenmühle im Landkreis Mittelsachsen … jedenfalls: Da standen hundert Leute vor dieser Flüchtlingsunterkunft und hinderten den Bus mit den Flüchtlingen weiterzufahren. Alle schrien: ‚Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!‘ Die Stimmung hättest du erleben müssen. Alle mit einer Stimme: ‚Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!‘“
„Etwa wie bei der WM in Deutschland?“, fragte seine Frau enthusiastisch.
„Noch besser, noch besser: Drei Stunden haben wir gebraucht, um den Bus mit den Flüchtlingen zum Eingang der Flüchtlingsunterkunft zu bringen. Um 22 Uhr, vor dem Eingang der Flüchtlingsunterkunft, wollten die Flüchtlinge nicht aus dem Bus aussteigen.“
„Och Schatz, du hast schon wieder zwei Überstunden gemacht. Du weißt: Das brauchst du nicht machen“, bemitleidete ihn seine Frau.
„Bei so was mache ich gerne Überstunden!“

Die aufgeregten Erzählungen seines Vaters weckten den achtjährigen Gerrit. Als Claus ihn verschlafen mit seinem Kuscheltier und mit Schlafanzug antorkeln sah, nahm er ihn in den Arm und machte eine Freudendrehung: „Mein Junge, hab ich dich geweckt?“
„Ja, ich habe Angst bekommen“, weinte Gerrit und schlang sich um den Hals seines Vaters.
„Ein richtiger Mann hat keine Angst. Papa hat niemals Angst!“, beruhigte er seinen Sohn, tätschelte ihn.

„Also“, fuhr Claus Nitz mit seiner Erzählung fort und schaute in die neugierigen Augen seiner Frau, „keiner von den Flüchtlingen traute sich aus dem Bus. Vor dem Bus und der Flüchtlingsunterkunft standen die Bürger und riefen den Flüchtlingen zu, auszusteigen. Aber die Flüchtlinge weigerten sich. Eine Frau mit Kopftuch stieg aus dem Bus, ging an der Menge vorbei, und brach am Eingang der Unterkunft zusammen.“
„Huuuch, die arme“, entfuhr es seiner Frau.
„Ich hab der Frau geholfen aufzustehen und half ihr die Treppe rauf, setzte sie in einen Sessel. Dabei feuerten mich die Zuschauer an. Alle so: ‚Hey, hey, hey, hey, hey!‘“, feuerte sich Claus selbst an und hüpfte mit Gerrit im Arm.
„Du bist wirklich ein Held“, bewunderte ihn seine Frau.
„Nein, nein, das Beste kommt ja noch“, rief Claus und legte nun Gerrit aufs Ehebett; er brauchte seine Hände ja zum Gestikulieren.

„Als ich aus der Unterkunft wieder raus wollte, weigerten sich die Flüchtlinge immer noch aus dem Bus zu steigen.“
„Die hatten wohl Angst vor den Leuten“, flüsterte seine Frau in ihre Hände, um Claus nicht wieder zu unterbrechen.
Claus erzählte weiter, ohne nach Luft zu schnappen, als habe er ihr flüstern nicht gehört: „Die Menge rief ‚Raus holen!‘ und ‚Holt die aus dem Bus!‘. Ich schnappte nach einem dieser Flüchtlingskinder, der wich verängstigt zurück. Ich hörte, wie die Zuschauer mich anfeuerten: ‚Yeääääh! Yeääääääääääääääh!‘ Und dann schoss das Adrenalin in meine Adern und ich fühlte meine Bestimmung als Diener des Volkes: Ich holte noch einmal aus und wendete einen Klammergriff an, den ich in der Polizeiakademie gelernt habe. Der Junge hatte keine Chance. Gepackt und rausgeholt. Ab in die Unterkunft. Und die Zuschauer feuerten mich an und wie aus einer Stimme hörte ich im Hintergrund: ‚Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!‘“

Claus Nitz schrie immer lauter: „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“, und hüpfte wie im Fußballstadion, sodass das ganze Schlafzimmer wackelte. Als er sich wieder beruhigte und nun sein verdientes Lob von seiner Frau und die Bewunderung von Gerrit absahnen wollte, sah er Gerrit im Arm seiner Mutter schlafen. Seine Frau gähnte und öffnete den Mund so weit, dass ihre Zahnfüllung im Lampenlicht aufblitzte. Sie legte sich hin, schloss ihre Augen und brachte ein müdes „Du bist der Held von Sachsen, Schatz … gäääähn“ heraus und schlief ein.


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