Der Weg zu Quds führt über Kerbala


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Es war die Nacht vor der Schlacht. Die Männer saßen an den kleinen Lagerfeuern und ihr Summen der heiligen Verse des Qur’ans erfüllte die Atmosphäre wie das Zirpen zahlreicher Grillen in einer heißen Nacht. Manche beteten. Andere waren in Bittgebete vertieft. Mein Herz war voller Freude und wohin ich mich auch umschaute, sah ich die lichterfüllten Gesichter der Gefährten.

Etwas abseits in den Zelten waren die Frauen und Kinder untergebracht. Auch dort herrschte ein reges Treiben und so manche Konversation zwischen Mütter und Kinder drangen leise aus den Zelten. Doch die Stimmung war freudig. Als ich so, froh unter ihnen zu sein, von einem zum anderen schlenderte, ein Lächeln oder Kopfnicken erhaschte, wurde ich gewahr, wie die Stimmen der Gottesdiener langsam verstummten.

Dann sah ich ihn. Er kam, in Kleidung und Ausrüstung kaum von den anderen zu unterscheiden, auf die Männer zu. Sein Antlitz war voller Licht, sodass ich die Blicke senken musste. Eine erhabene Erscheinung, mit anmutiger Eleganz und einer Ausstrahlung, die alles übertraf, was ich je in meinem Leben gesehen hatte. Ich sah, wie die Männer voller Ehrfurcht und Respekt sich einer nach dem anderen von ihren Plätzen erhoben und ihm entgegengingen. Freudiges Lächeln lag auf ihren Lippen. Er blieb, umkreist von seinen Gefährten, stehen. Seine sanften Augen schauten liebevoll von einem zum anderen. Erwartungsvoll warteten sie, bis er das Wort ergriff: „Meine Gefährten, meine Lieben, meine Unterstützer“, begann er mit seiner wohlklingenden Stimme, sodass ihn alle hörten, „ihr habt mich begleitet und eure Zeit mir geopfert. Bis hierher seid ihr mir gefolgt. Dafür stehe ich in eurer Schuld.“

Unruhe begann in meinem Herzen aufzukeimen. Und auch die Männer schauten sich gegenseitig alarmiert an. Er fuhr fort: „Morgen wird es eine Schlacht geben. Und kein Mann wird diese Schlacht überleben, der mit mir sein wird. Selbst ich werde in dieser Schlacht fallen.“

Es herrschte Schweigen und die Männer schauten bei diesen Worten betreten zu Boden. Tränen schossen in ihre Augen und auch mein Herz war bei diesen Worten schmerzerfüllt. Wie aus der Ferne beobachtete ich, was weiter geschah.

„Die Wahrheit ist auf unserer Seite. Und ich bezeuge vor Allah und meinem Großvater, dem Propheten Muhammad und bei meiner Mutter Fatima, dass ihr der Wahrheit und eurem Imam loyal zur Seite gestanden habt. Und ich bezeuge, dass euch nichts weiter obliegt, als was ihr bereits bis zu dieser Stunde und dieser Nacht getan habt.“

Zuversichtlich und lächelnd sah er in die leuchtenden, tränenerfüllten Augen der Männer. Er sprach: „Meine Gefährten. Der morgige Tag ist allein für mich bestimmt. Die Falschheit hat mich allein als ihren Feind definiert. Ihr habt genug getan. Als euer Imam enthebe ich euren Treueschwur. Ihr seid frei zu gehen. Die Lichter werden gelöscht. Und dann könnt ihr gehen. Bei Allah, das Paradies ist euch sicher, bei dem Propheten und meiner Mutter Fatima, der Allmächtige hat euch geläutert und jegliche eurer Sünden vergeben. Ihr seid frei, zu euren Kindern und Familien zu gehen.“

Ich konnte das Schluchzen in mir nicht mehr zurückhalten. Ich sah, wie auch die Tränen der Männer, einem Fluss gleich, über ihre Wangen und Bärte strömten. Er löschte die Lichter und wandte sich zum Gehen. Ich nahm wahr, wie im Schutze der Dunkelheit einige wenige sich leise vom Lager entfernten.
Er war noch nicht an seinem Zelt angekommen, als er bemerkte, wie die Männer ihm langsam aber sicher folgten. Er verlangsamte seinen Schritt und wandte sich zu ihnen um. Er sah, wie sie ihn anschauten. Ihre Herzen waren voller Unruhe, voller Schmerz. Er wusste, dass sie etwas zu sagen hatten. Sie warteten, bis er seine Hand hob und ihnen die Erlaubnis erteilte zu sprechen.
Und dann sprachen sie, ihr Schluchzen unterdrückend: „Ya Maulay, o Herr! Gewähre uns zu bleiben. Dein Duft ist der Duft des Paradieses Herr! Wo sollen wir das Paradies suchen, wenn wir dich verlassen, Herr! Du sagtest, das Paradies sei uns sicher, doch unser Paradies bist du, o Herr!“

Ein anderer sprach: „O mein Imam, o Enkel des Propheten! Wir wissen, dass wir morgen fallen werden. Wir wissen, dass Unsere Kinder zu Waisen, unsere Frauen zu Witwen werden. Aber sind denn unsere Frauen und Kinder wertvoller als deine Frauen und Kinder? Wie sollen wir weiterleben mit dem Gedanken, dass die Welt morgen ohne den Sohn Fatimas weiter existieren soll? Welches Paradies ist es, was ohne Hussein erlangt werden kann?“

Ein weiterer sprach: „Mein Herr und Gebieter! Und wenn ich wüsste, dass Gott mich nach meinem Martyrium morgen wieder zum Leben erweckt und ich mich erneut entscheiden müsste mit dir zu sein oder zu gehen, würde ich bleiben und mich für dich opfern. Und wenn Gott mich hunderte Male nach einem Martyrium wieder auferweckt und mich vor die Wahl stellt, so will ich mich hunderte Male für dich opfern, mein Imam! Du bist unser Paradies, mein Imam!“

Ich sah, wie die Tränen der Liebe aus den sanften Augen des Imams strömten. Er lächelte sie liebevoll an. „Ich bezeuge bei Allah, weder mein Vater Ali, noch mein Großvater der heilige Prophet hatte solch edelmütige Gefährten wie ich.“
In diesem Augenblick war mein Herz mit Bewunderung für diese kleine Gruppe erfüllt. Es sehnte sich dazu zu gehören. Und ich hörte mein Herz zum Imam sprechen: „Ach! Ach, wäre ich doch mit dir gewesen, ya Maulay! Ach, wäre ich doch auch unter diesen tapferen, glückseligen Gefährten!“ Ich spürte, wie sich das Antlitz Imam Husseins mir zuwandte und zu meinem Herzen sprach: „Du weißt, was passieren wird. Du wirst die Rufe meiner Kinder hören, wie sie vor Angst um Hilfe rufen, wenn ihre Zelte verbrannt werden. Du wirst die Rufe meiner Schwestern und der Frauen hören. Ich weiß, dass dein Herz vor Trauer zerspringt, wenn du an Sukaina denkst, wie sie geschlagen wird. Wenn du an Zaynab denkst, wie ihr Schleier entrissen wird und an Ali Asghar, der durstig in meinen Armen geopfert wird. Das ist das Gleichnis für alle Ewigkeit!

Du kannst zu mir und den Meinen gehören! Antworte dem Hilferuf der Rufenden in deiner Zeit. Hörst du nicht Ali Zayn-ul-Abidin in Palästina nach Medikamenten rufen? Hörst du nicht Sukaina in Gaza nach Wasser rufen? Hast du Ali Asghar vergessen, der vor seinen Eltern erschossen wird? Hast du Zaynab vergessen, deren Haus durch die zionistische Besatzungsmacht in der West Bank zerstört wird?“

Ein Schaudern ergriff mich. Ich konnte dazu gehören! Er fuhr fort und ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er sagte: „Und hast du denn meinen Sohn Sayyid Ali vergessen? Wie er ruft, dass du dich der Freiheitsbewegung anschließen solltest, um das Paradies zu erlangen? Möchtest du in mein Paradies? So antworte auf den Hilfeschrei der Unterdrückten und der Aufforderung meines Sohnes, den Quds-Tag zu begehen. Selig wirst du sein, wenn du dem wahrhaftigen Waliy al-Amr und seinem Ruf folgst. Auch er hat die Lichter gelöscht und niemanden gezwungen, ihm zu folgen. Wer gehen mag, kann gehen. Doch selig sind jene, die seine Worte unterstützen, seine Empfehlungen stärken und befolgen. So kannst du zu den Meinen gehören und in mein Paradies eintreten …“

Hinweis: Die wörtlichen Reden basieren sind der Geschichtsschreibung nachempfunden, sind aber in ihrem Wortlaut fiktiv und nicht als historische Dialoge zu verstehen.


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