Der Zentralisationsfehler – Polytheismus als Denkfehler


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Im letzten Artikel über Denkfehler haben wir den Projektionsfehler untersucht. In diesem Artikel werden wir diesen Fehler verallgemeinern und gelangen so zu einer alltäglichen Klasse von Denkfehlern, die ich als „Zentralisationsfehler“ bezeichnen möchte.

Definition

„Zentralisationsfehler“ bezeichnet die Annahme, dass der Zustand eines gegebenen Systems maßgeblich nur von einer einzelnen Systemeigenschaft X abhänge, in dem Sinne, dass zur Zustandsänderung aller Eigenschaften in Richtung eines Zielzustandes des Gesamtsystems die alleinige Änderung des Zustandes der Eigenschaft X in eben dieser Richtung ausreiche.

Beispiele

Zugegeben: Die Definition ist etwas sperrig. Einige weitverbreitete Annahmen und Aussagen sollen als Beispiele eines Zentralisationsfehlers diesen erhellen:

• „Bei islamischen Projekten ist es wie bei allen anderen auch: Wesentlich ist das Geld! Hat man genug Geld, kann man alles bewegen – hat man zu wenig, läuft nichts.“
• „Die Schulbildung ist der Schlüssel! Wenn diese besser wird, werden sich auch alle anderen Probleme in der Gesellschaft automatisch lösen.“
• „Letztlich geht jede Schlechtigkeit und Unterdrückung in der Welt von den USA und Israel aus! Wenn diese beiden erst mal gefallen sind, haben wir das Paradies auf Erden!“
• „Entscheidend ist der Hidschab! Wenn die Frau einen guten Hidschab trägt, dann wird auch ihr Inneres gleichsam sich zur höchsten Moral entwickeln.“
• „Taqwa (Gottesehrfurcht) misst sich am Gottesdienst, an der Häufigkeit und Intensität der Gebete und Anrufungen!“
• „Bei den eigenen Kindern gilt: Hauptsache gesund, das ist das Wichtigste!“
• „Hauptsache Anhänger von Imam Chamene’i, alles andere wird bei ihm/ihr dann auch schon wahrhaftig sein, inschallah!“

Beschreibung

Alle Eigenschaften der obigen Beispiele besitzen im jeweiligen Kontext einen gewissen Einfluss und eine unstrittige Bedeutung. Natürlich kosten einige islamische Projekte ggf. auch Geld, und zweifellos hängen einige gesellschaftliche Probleme mit geringer Bildung zusammen. Und wer würde bestreiten, dass USA und Israel jeweils Antreiber der weltweiten Unterdrückung sind? Gleiches gilt für die übrigen Beispiele.

Aber besitzen diese Eigenschaften die durch die Formulierung obiger Behauptungen unterstellte zentrale Bedeutung? Und wenn sie wirklich zentral sind: Sind sie derart exklusiv, dass alle anderen Kriterien allein durch sie beeinflusst werden?

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Nein, sind sie nicht. Diese Art zu denken ist einfach und der Neigung zur Simplifikation geschuldet: Anstatt sich um viele Aspekte und Eigenschaften parallel zu bemühen, deren Korrelation nur schwach sein mag, konzentriert man sich auf eine einzige Eigenschaft, die zumeist scheinbar einfach zu beeinflussen ist und hofft, dass alle anderen Eigenschaften sich dadurch wie gewünscht entwickeln werden, gewissermaßen von dieser ins Zentrum gesetzten Eigenschaft gezogen werden. In fast allen Fällen ist das ein Fehlschluss. Zumeist existiert ein solches Zentrum nicht, oder ist viel weniger konkret, als gedacht.

Dieser Denkfehler hat gewaltige Auswirkungen auf das Handeln jedes Einzelnen von uns, und auch auf das Handeln von Organisationen oder Regierungen. Sicher fallen dem Leser sofort viele Beispiele ein.

Zentralisation im Islam

Nun gibt es aber doch explizite islamische Aufforderung zur Zentralisation. Eine bekannte Überlieferung vom heiligen Propheten (s.) konstatiert, dass man bei einem potenziellen Ehepartner auf seine Taqwa achten soll (in Abgrenzung von äußerlicher Schönheit und materiellem Reichtum). Ist diese Aufforderung gemäß der Definition dieses Artikels also ein Beispiel eines Zentralisationsfehlers, mithin die Idee des Zentralisationsfehlers also selbst ein Misskonstrukt? Die zentrale Position der Gottesehrfurcht ist keineswegs nur auf die Frage nach dem Ehepartner beschränkt, sondern gilt allgemein: „(…) Der Angesehenste von euch bei Gott ist der Gottesehrfürchtigste von euch. (…)“ (Heiliger Qur’an 49:13) – Viele weitere Beispiele qur’anischer und prophetischer Zentralisation lassen sich finden.

Und tatsächlich; ein Zentrum von allem und jedem, ein Zentrum jeder Fragestellung und jedes Problems, eine Hilfe jedes Hilfesuchenden und ein Ziel jedes Strebenden existiert. Es ist die einzige eigenständige Existenz: Gott, der Erhabene. So lassen sich alle Zentralisationsaussagen im Islam im Sinne dieses Artikels – wirklich alle – auf Gott allein zurückführen. Sie sind alle verschiedene Beschreibungen der Einheit Gottes, des Tauhid.

Setzt man aber etwas anderes als Gott ins Zentrum seines Strebens, etwa Geld, Schönheit, Anhängerschaft oder dergleichen – und sei es auch in einer ursprünglich auf Gott ausgerichteten Absicht – so setzt man etwas Falsches ins Zentrum seiner Betrachtung. Somit können wir also letzten Endes den Zentralisationsfehler mit Poltheismus (Schirk) gleichsetzen, dem Glauben an etwas Anderes als Gott in Unabhängigkeit von Ihm.

Das bedeutet nun nicht, dass man einer naiven Ausrichtung nach Gott anhängen sollte, die alles unterlässt und in jeder Frage auf Gott in einem falschen Sinne vertraut. Auf Gott zu vertrauen und Ihn allein ins Zentrum seiner Erwägungen zu ziehen, bedeutet gerade auch, seine uns von Ihm geschenkten Mittel einzusetzen, und zwar zumeist vielerlei verschiedene Mittel. Gemäß einer Überlieferung und Metapher sollte man „das Kamel anbinden und dann auf Gott vertrauen“ (auf dass es nicht gestohlen werden möge). Weder darf man sich allein auf ein massives Schloss verlassen und Gott in seinem Vertrauen außen vor lassen, noch Gottes Mittel zu ignorieren und gering schätzen.

Konklusion

Bei jedweden Fragestellungen, Bewertungen und Strategien sollte man alle, oder wenigstens die wesentlichsten Faktoren gleichermaßen berücksichtigen und nicht der Versuchung verfallen, einen einzelnen Faktor ins Zentrum zu setzen und allein diesen zu bearbeiten, in der falschen Überzeugung, dass alle anderen Faktoren gleichsam mitschwingen würden. Auch beim Streben nach Gott selbst, dem einzigen wahren Zentrum, sind viele Faktoren und Mittel zu berücksichtigen, sowie uns von Gott dazu viele verschiedene Wege gezeigt und auferlegt wurden (Verhalten, regelmäßige Gottesdienste, Sozialgesetze uvm.) und eben nicht nur ein einziger!

Aufgabe für den Leser

Abschließend noch ein Hinweis und Einladung zur gedanklichen Erforschung dieser Thematik und dieser Beschreibungen: Wir behaupteten, dass der Zentralisationsfehler eine Verallgemeinerung des Projektionsfehlers ist. Gilt dies vielleicht auch umgekehrt? Ist also der Zentralisationsfehler auch als Projektionsfehler beschreibbar? In diesem Fall wären beide Denkfehler also äquivalent und nur verschiedene Perspektiven auf dasselbe – oder gibt es Beispiele für Zentralisationsfehler, die sich definitiv nicht als Projektionsfehler deuten lassen? Die Äquivalenz wäre insofern interessant, da sich der Projektionsfehler – im Gegensatz zum Zentralisationsfehler – sehr leicht quantitativ beschreiben lässt und die prinzipielle Fehlerhaftigkeit einer Projektion sich mathematisch formulieren lässt (was wir im ersten Artikel aber unterlassen haben).

Zuletzt noch eine Warnung: Ein besonders fataler Zentralisationsfehler wäre es, jeden einzelnen Denkfehler als Zentralisationsfehler zu interpretieren.


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