Dialog: Warum er wünschenswert aber oftmals sinnlos ist


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Im Folgenden werde ich versuchen aufzuzeigen, warum der interreligiöse oder politische Dialog wünschenswert ist, aber dennoch zumeist sein Ziel verfehlt.

Der Islam und Muslime im Dialog

Was ist Dialog

Zunächst einmal müssen wir klären, was hier mit Dialog gemeint ist. Unter dem breiten Dialogbegriff verstehen sich alle Kontakte von Muslimen mit Menschen anderer Religion oder anderer Ansicht. So zum Beispiel ist es auch als Dialog zu verstehen, wenn ein Muslim mit seinem nichtmuslimischen Nachbar oder Arbeitskollegen spricht. Weiterhin ist der interreligiöse Dialog, also der Dialog mit den Anhängern verschiedener Religionen, auch eine Form des Dialogs, welchen wir hier unter dem Begriff des hier erwähnten „Dialogs“ subsumieren. Darunter sind zum Beispiel Gespräche und Veranstaltungen von Moscheen mit Kirchen oder muslimischen Vertretern mit christlichen Vertretern zu verstehen. Zudem ist die Interaktion mit politischen Akteuren auch ein Dialog, welchen wir als institutionellen Dialog auffassen. Darunter fallen alle Interaktionen von muslimischen Organisationen mit staatlichen Institutionen oder Vertretern. Als prominentes Beispiel dient hierbei die Deutsche Islamkonferenz.

Argumente für den Dialog

Nun gibt es auf den ersten rationalen Blick auf den Dialog nichts, was dagegen sprechen könnte. Warum sollte auch was dagegen sprechen? Dialog ist immer eine willkommene Angelegenheit, die gute Früchte tragen kann. So ist es gut, wenn der Muslim sich auf der Arbeit sich mit seinem nichtmuslimischen Arbeitskollegen unterhält und eventuell dadurch Vorurteile abgebaut werden oder mehr Verständnis auf beiden Seiten entwickelt werden kann. Gegen den interreligiösen Dialog, zwischen Muslimen und Christen oder Juden, welcher seit Jahren in Deutschland praktiziert wird, gibt es nun gar nichts auszusetzen. Durch viele Dialogveranstaltungen sind Muslime und Anhänger anderer Religionen aneinander nähergekommen. So werden Moscheen und Kirchen gegenseitig besucht und ein herzliches Miteinander aufgebaut. Auch der institutionelle Dialog bietet auf den ersten Blick keine Anhaltspunkte dafür, dass man dagegen sein müsste. Inzwischen hat sich Letzterer stärker etabliert und überall finden Gespräche von Muslimen, Moscheevereinen und Islamverbänden mit Vertretern des Staates statt.

In einer Zeit zunehmender Islam- und Muslimfeindlichkeit ist es angebracht, den Dialog zu intensivieren. Das Zusammenkommen von Muslimen mit Nichtmuslimen sendet zudem ein schönes Zeichen in die Gesellschaft, dass hier etwas zusammengehört und nicht gegeneinander ausgespielt werden kann.

Dennoch reicht in diesem Fall nicht der erste Blick auf eine Sache aus. Es ist geboten, sich das Ganze näher anzuschauen und vor allem die Praxis genauer unter die Lupe zu nehmen.

Warum der hier praktizierte Dialog zumeist Unsinn ist

1. Zwischenmenschlicher Dialog

Beim genauen Betrachten des Dialogs von Muslimen mit Nichtmuslimen, zum Beispiel auf der Arbeit, sehen wir viele Merkmale, die verstörend sind. Hierbei geht es mir nicht um die bloße Freundschaft und Bekanntschaft, diese ist eine gute Sache. Was mich stört, sind die laienhaften Gespräche von Muslimen mit Nichtmuslimen. So kann man immer genüsslich beobachten, wie zwei Arbeitskollegen sich um komplizierte religiöse Themen streiten und diskutieren. Zum Beispiel ist im Monat Ramadhan oft das Fasten der Muslime ein Gesprächsthema. So gibt es Muslime, die fasten, aber auch Muslime, die nicht fasten. Das wird dann zumeist zum Anlass genommen, über das Fasten allgemein zu sprechen und jeder Muslim kommt dabei zu Wort und kann seine Sicht der Religion offenlegen. Das führt bei vielen Nichtmuslimen, die dem zuzuhören, zu Ratlosigkeit. Von zwei Muslimen hört er drei oder mehr Meinungen zum Thema Fasten. Der Erkenntnisgewinn ist gleich null, es wurde mehr Verwirrung gestiftet als Verständnis.

Zudem gibt es weitere Themen, die gerne im „Dialog“ diskutiert werden unter Laien. So ist zum Beispiel das Kopftuch ein beliebtes Thema oder auch die Frage nach Extremisten. Die meisten dieser Diskussionen verlaufen im Sande und viele Muslime beweisen in diesen Fragen, dass sie herzlich wenig über ihre eigene Religion wissen.

Aus diesen und ähnlichen Gründen ist es zumeist nicht vorteilhaft über religiöse Themen zu diskutieren, über die man selbst nichts weiß. Generell sollte es vermieden werden, über etwas zu reden, worüber man keine Ahnung hat. Durch die falsche Wiedergabe des Islam schadet man dem Islam mehr, als dass man für Erkenntnisgewinn und Vorurteilsabbau sorgt.

So muss man auch sehen, dass es Leute gibt, die durch gezielte Fragen versuchen zu provozieren, um sich dann über die Religion des Islam lustig zu machen. So ist dieses Phänomen sehr oft im Internet zu sehen, wo gezielt gefragt wird, und sich der Fragesteller dann weiter reinsteigert und es am Ende zu gegenseitigen Beleidigungen oder sogar Drohungen ausartet.

Aus all den erwähnten Beispielen ergibt sich, dass nicht jeder „Dialog“, auch gleich zu Erkenntnisgewinn, Abbau von Vorurteilen oder Frieden führt. Aus diesem Grund muss genau darauf geachtet werden, mit wem, warum, wann, wieso und wo man einen „Dialog“, ein Gespräch, eine Diskussion über die Religion eingeht.

Es ist zumeist friedlicher, wenn man sich über ein Fußballspiel und über den letzten Tatort unterhält, als wenn man versucht auf der Arbeit laienhaft den Qur’an zu interpretieren. Denn Letzteres führt meist genau zum Gegenteil dessen, was man beabsichtigt hatte, nämlich zu Unverständnis, zu noch mehr Vorurteilen und zur Störung des (Arbeits-)Friedens.

2. Interreligiöser Dialog zwischen Religionsgemeinschaften

Das ist einer der Bereiche, die besonders vorsichtig beachtet werden sollten. Interreligiöse Dialogabende, gegenseitige Besuche in Moscheen, Kirchen oder Synagogen, Zusammenkünfte zur Besprechung von Gemeinsamkeiten usw.

Auf den ersten Blick gibt es wiederum keine Argumente, die dagegen sprechen könnten. Schaut man jedoch genauer hin, sehen wir, dass der interreligiöse Dialog gar nicht so verläuft, wie es sich anhört. Einer der komischsten und merkwürdigsten Dinge, die immer wieder zu beobachten sind, ist die Teilnehmerliste eines solchen interreligiösen Dialogs. Schaut man sich beispielsweise die besetzten Podiumsdiskussionen derartiger Veranstaltungen an, so sehen wir immer dasselbe Bild: Auf der einen Seite sitzt Prof. Dr. X von der katholischen Kirche, der u.a. am Fachbereich Theologie der Universität einen Lehrauftrag hat, und auf muslimischer Seite einen Dr. Y, der einen Doktor der Zahn- oder Humanmedizin hat und sich ehrenamtlich im Vorstand einer Moschee engagiert. Hierbei muss dem Laien auch auffallen, dass etwas nicht stimmt. Man stelle sich eine (wissenschaftliche) Veranstaltung über Architektur vor, wo auf dem Podium Zahnärzte sitzen, die dann als Experten das Wort ergreifen.

Dieses Ungleichgewicht im interreligiösen Dialog ist eines der größten Probleme. Im Angesicht dessen zweifelt man an der Seriosität des interreligiösen Dialogs, denn es kommt die Frage auf, ob es ein wirklicher interreligiöser Dialog auf theologisch-wissenschaftlicher Ebene ist, was es nicht sein kann, oder ob es sich um eine einfache Begegnung von Muslimen und Christen handelt. Im letzteren Fall kann man nicht von einem „interreligiösen Dialog“ sprechen, sondern von zwischenmenschlichen Begegnungen im Rahmen einer Veranstaltung. Diese geschieht sowieso tagtäglich tausendfach, sei es auf der Arbeit, in der Schule oder Universität.

Weiterhin muss man schauen, welche Absicht sich hinter dem interreligiösen Dialog verbirgt. Geht es darum, die andere Seite von seinen eigenen Glaubensinhalten zu überzeugen und alles vom anderen Glauben schon im Vorfeld als „unsinnig“ bezeichnet, so handelt es sich um eine Missionierung und nicht um einen Dialog. Wichtig ist es, den Dialog für den Dialog zu führen. Dies bedeutet, dass das Erlangen von Verständnis und das Verstehen des Anderen als Ziele verfolgt werden müssen.

Schaut man sich den heute stattfindenden „interreligiösen Dialog“ an, so sehen wir, dass vieles nicht optimal verläuft. Es ist berechtigt zu sagen, dass der Dialog von muslimischen Verbänden mit Kirchen etc. kein echter Dialog ist, nach den oben genannten Parametern. So ist es berechtigt am Interesse eines muslimischen Ingenieurs, Anwalts oder Arztes zu zweifeln, der sich im Dialog mit Pfarrern, Priestern und anderen christlichen Theologen engagiert. Zudem haben auf meine Kritik hin viele Muslime, die in Verbänden arbeiten, geradezu zugestimmt, dass der sogenannte „interreligiöse Dialog“, den sie mit christlichen Kirchen etc. führen, quasi als „Maske“ dient, um zu zeigen, wie tolerant sie seien und dass sie ein Interesse an einem Zusammenleben haben. Das ist kein wahrhafter Dialog, sondern perfide politische Taktik. Zudem hat man mir schon gesagt, dass es dazu führen würde, dass man besser mit dem Staat ins Dialog käme, weil man so jeden Vorwurf ausräumen könne, dass man nicht radikal sei und man auch von den Kontakten all der christlichen Partner profitieren könne.

Dies ist kein „echter und wahrhaftiger Dialog“. Ein solcher Dialog wird nicht zu dem führen, was man sich wünscht, denn die Absicht zu Beginn einer Sache muss rein sein, frei von politischer Taktik.

Wiederum sei gesagt, dass ich den Dialog zwischen Theologen, also Imamen und Pfarrern, Islamwissenschaftlern und Theologen sehr begrüße, und dort zumeist erkenne, dass dort der Dialog für den Dialog geführt wird.

3. Institutioneller Dialog

Dieser Teil bedarf einer besseren und längeren Untersuchung, denn das ist die Form des Dialogs, welche in den letzten 10-15 Jahren eine größere Bedeutung gewonnen hat und in welche viele große Hoffnungen setzen. Nun gibt es auf den ersten Blick nichts auszusetzen an dem Dialog mit Staat und Politk, dass Menschen sich austauschen und eine gewisse herzliche Verbindung aufbauen.

Auf dem zweiten Blick fallen dann doch mehrere Sachen auf, die nicht positiv zu bewerten sind. So sei als erster Punkt erwähnt, dass Staat und Religion in Deutschland getrennt sind. D.h., dass die Religion nicht die Politik bestimmen darf. Die Kirche oder Moscheen darf nicht die Gesetze vorschreiben und es liegt an der letztendlichen Entscheidung der gewählten Vertreter zu bestimmen, was gut für das Land ist und was schlecht, alles auf Grundlage des Grundgesetzes natürlich.

Im Umkehrschluss heißt es auch, dass der Staat sich nicht in die Angelegenheiten der Religion einmischen darf. Im Sinne und Rahmen der im Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit dürfen die Religionsgemeinschaften tun und lassen, was sie möchten.

Doch warum findet der institutionelle Dialog überhaupt statt? Was ist die Absicht auf beiden Seiten, sich mit großer Medienpräsenz zu präsentieren? Um Körperschaft des öffentlichen Rechts zu werden, welches viele Muslimverbände ansprechen, bedarf es keines intensiven Dialogs oder einer engen Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen, die ich im Hintergrund der Trennung von Staat und Religion kritisch sehe, sondern muslimische Verbände müssten einfach die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen und einen Antrag stellen, oder notfalls über die Gerichte den Status klären.

Die Deutsche Islamkonferenz ist die populärste Art des institutionellen Dialogs. Hierbei zeige ich einige Punkte auf, die als Arbeitsfelder im Vorfeld der Konferenzen festgelegt worden sind:

  • Deutsche Gesellschaftsordnung und Wertekonsens
  • Religionsfragen im deutschen Verfassungsverständnis
  • Wirtschaft und Medien als Brücke
  • Etablierung einer institutionalisierten Kooperation zwischen Staat und Muslimen
  • Geschlechtergerechtigkeit als gemeinsamen Wert leben
  • Prävention von Extremismus, Radikalisierung und gesellschaftlicher Polarisierung
  • Wohlfahrtspflege als Thema der gesellschaftlichen Teilhabe
  • Seelsorge als Thema der Religionsausübung und religionsrechtlichen Teilhabe

Erstens muss man sagen, wenn es sich um einen „Dialog“ handelt, warum dann diese Themen nur einseitig festgelegt wurden, die Gäste einseitig eingeladen wurden und auch die Regeln für die Konferenzen, alle organisatorischen Handlungen wiederum einseitig festgelegt werden. Unter Dialog hatte ich mir immer vorgestellt, dass man gemeinsam bestimmt und gemeinsam entscheidet.

Es wurde in der Islamkonferenz jahrelang sich getroffen und es fanden viele intransparente Treffen statt. Die Ergebnisse sind mehr als dürftig und man kann sagen, dass viele Themen, die das alltägliche Leben der Millionen Muslime konkret betreffen, gar nicht besprochen wurden. Fast kein einziges Ergebnis, welches bei all den Konferenzen und den Dialogen mit dem Staat beschlossen wurde, hat einen unmittelbaren Einfluss auf das Leben der Muslime gehabt. Nach keinem institutionellen Dialog hat es keine Gesetzänderung oder eine irgendwie ähnliche Maßnahme gegeben, welches das Zusammenleben von Muslimen mit Nichtmuslimen in Deutschland erleichtert hätte. Und viele Themen, die besprochen wurden und als Erfolg verkauft wurden, hatten gar nicht einer medienwirksamen Konferenz bedurft.

Hatten sich die muslimischen Verbände erhofft, dass durch einen „Dialog“ mit dem Staat das Islambild in der Gesellschaft sich verbessern würde, so sehen wir, dass dieses sich sogar verschlechtert hat. Hat man gedacht, dass durch den „Dialog“ sich die Radikalisierung von Jugendlichen in Luft auflösen würde, so sehen wir, wie heutzutage junge Leute sich radikalisieren und in den Krieg ziehen. Viele der Themen, die „da oben“ diskutiert werden, gehen völlig an der Lebensrealität der Muslime vorbei. Die Verbände und die Funktionäre haben längst den Kontakt zur „Basis“ verloren und es kommt vielen Muslimen so vor, dass das, was „da oben“ geschieht, keinen Einfluss und auch keine Bedeutung für ihr alltägliches Leben hat.

Die absolute Mehrheit der hier Lebenden kann mit all den Themen, die Gegenstand des institutionellen Dialogs sind, nichts anfangen.Vor allem wird es kritisch gesehen, dass Politiker und muslimische Verbandsfunktionäre sich mit den „Dialogen“ profilieren und Einfluss auf Muslime „von oben“ ausüben möchten. Muslime möchten ihre Prioritäten selbst definieren und ihren Glauben frei ausleben, ohne von der Politik instrumentalisiert zu werden. Es ist auch die Motivation der Politiker zu hinterfragen, die im Wahlkampf E-Mails an Moscheen schreiben und formell und informell fragen, ob sie in der Moschee zu den Gläubigen, am Besten nach dem Freitagsgebet, sprechen dürfen.

Ich weiß von einigen Funktionären persönlich, dass es ihnen nur um Macht geht. So fantasierten einige in meiner Anwesenheit, dass man im Rundfunkrat sitzen könne, man politischen Einfluss haben könne, und angebliche viele nützliche Sachen für die Muslime machen könnte und zudem Zugang zu finanziellen Zuschüssen des Staates hätte etc.

Ich sehe diese Entwicklung sehr kritisch und sehe zugleich, wie auf beiden Seiten das Prinzip der Trennung von Staat und Religion auszuhöhlen versucht wird.

4. Ausblick

Oben habe ich versucht drei Ebenen des Dialogs zu veranschaulichen und zu erklären, warum dieser Art von „Dialog“ nicht nützlich, nicht wahrhaft und nicht zielführend ist. Nach diesen oben angeführten Ausführungen ist es angebracht zu fragen, wie denn sonst ein optimaler Dialog auf all den erwähnten Ebenen aussehen kann, zumal eingangs behauptet wurde, dass ein Dialog notwendig und wünschenswert sei. Im nächsten Artikel wird dann ausgeführt werden, wie ein guter Dialog aussehen kann.


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