Die Beziehung zu den Imamen (a.) und die Tränen für Imam Hussein (a.) – Scheich Chalilzadeh im IZF


Sie befinden sich im Archiv, Kommentierungen sind hier nicht möglich. Zum Live-Blog von Offenkundiges geht es hier: https://offenkundiges.de

Vortrag von Scheich Chalilzadeh am ersten Muharram im Islamischen Zentrum Frankfurt. Übersetzt und zusammengestellt von Ruhollah Abolhassani.


Im Laufe des Lebens begegnen uns viele Menschen. Manche dieser Begegnungen münden in einer Verbindung, einer innigen Sehnsucht oder in einer freundschaftlichen Beziehung. Die Qualität und der Wert dieser Verbindungen werden maßgeblich durch die jeweilige Person bestimmt, mit der ein Bündnis geschlossen wird. Beispielsweise hat jeder von uns in der eigenen Familie Verbindungen und Beziehungen erfahren. Die erste Verbindung, die eingegangen wird, ist die zwischen den Eltern und den Kindern. Dies erweitert sich auf eine natürliche Art und Weise auf Personen, mit denen man dann eine freundschaftliche Verbindung aufbaut. Diese Freundschaften existieren auf unterschiedlichen Ebenen. Denn nach einer Überlieferung von Imam Ali (a.) sollte der Mensch drei verschiedene Freundschaftstypen pflegen:

  1. Freundschaften, die man besonders pflegen sollte, auch wenn von den jeweiligen Personen kaum etwas zurückkommt.
  2. Freundschaften, bei denen man weder unter- noch übertreiben sollte, d.h. im gleichen Maß wie sie selbst agieren sollte.
  3. Freundschaften, die man zum Beisammensein und dem gesellschaftlichen Umgang pflegt. Der Mensch benötigt Bekanntschaften, mit denen man lediglich Gespräche führt und lacht.

Eine weitere Verbindungsart ist jene, die mit einem Fehlerlosen, d.h. einem perfekten Menschen, geschlossen wird. Ein fehlerloser Mensch ist jemand, der nur charakterliche Vorzüge besitzt und als Wegweiser für die Rechtleitung der Menschen wirkt. Er hat das Ziel, uns in dieser Welt und im Jenseits zur Glückseligkeit zu leiten.

Wie kann man jedoch mit einer fehlerlosen Person eine Verbindung oder ein Bündnis eingehen, und welche Voraussetzungen gibt es für dieses Bündnis?

Nach eingehender Recherche sind es zwei Merkmale, die wesentlich die Verbindung zu einem Fehlerlosen ermöglichen.

  1. Der Glaube an die Führerschaft (Wilaya)
  2. Der Glaube an die Reinheit (Isma)

Es kann durchaus vorkommen, dass auch ohne den oben beschriebenen Glauben eine Verbindung zum Fehlerlosen aufgebaut wird, jedoch erfüllt sie dann nicht die von uns angestrebte Qualität. In der Geschichte gab es viele Menschen, die mit den Fehlerlosen in Verbindung standen. Beispielsweise bestand zwischen den Mördern von Imam Hussein (a.) und ihm eine Verbindung.

Viele Menschen sehen in einem Imam nicht mehr als nur einen guten Menschen mit Charakter. Ihre Reinheit, Fehlerlosigkeit und die Führerschaft sprechen sie ihnen jedoch ab. Wir sehen das anders! Wir gehen davon aus, dass ein fehlerloser Imam unser Anführer (Waliy) ist und ohne diese Verbindung wir gar nicht in der Lage wären, den Glauben aufrechtzuerhalten.

Welche Wirkung kann der fehlerlose Imam auf einen Menschen haben, der nicht ihn glaubt?

Die Antwort hierzu möchten wir mittels einer Überlieferung von Imam Sadiq (a.) erläutern.

Imam Sadiq (a.) berichtet von Imam Ali (a.), der auf seiner Reise nach Kufa war. Ein Mann, der seine Heiligkeit nicht kannte, begleitete ihn. Dieser Mann war andersgläubig, entweder Jude, Christ oder Zoroastrier. Ihre Wege sollten sich ab einem bestimmten Punkt trennen, da das Reiseziel des Imams Kufa war und der Mann in eine andere Stadt wollte. Sie erreichten diesen Punkt, als sie in ein Gespräch vertieft waren. Der Imam begleitet den Mann noch ein wenig auf seinem Weg. Nach einer Weile bemerkte der Mann das und fragte den Imam, warum er an der Kreuzung nicht nach Kufa abgebogen sei.
Der heilige Imam antwortete: „Unser Prophet hat uns gelehrt, dass es zu den Tugenden eines Mannes gehört, nicht mitten in einem Gespräch eine Person zu unterbrechen.“
Der Mann wunderte sich sehr und fragte: „Hat euer Prophet das wirklich gesagt?“
Und der Imam antworte: „Ja.“
Der Mann war so fasziniert von dieser Moral, dass er sagte: „Wenn euer Prophet so etwas gesagt hat, dann bezeuge ich, dass es keinen Gott gibt außer Allah und Muhammad sein Gesandter ist.“

Solche Beispiele sehen wir in der Methodik (Sira) der Ahlulbayt (a.) des Öfteren. An diesem Beispiel wird die Auswirkung des vorzüglichen Charakters von Imam Ali (a.) deutlich. Gleichwohl ist zwischen dem fehlerlosen Imam und seinem Reisebegleiter noch keine Herzensverbindung entstanden.

Imam Sadiq (a.) sagt im Anschluss an diese Überlieferung, dass jene Menschen, die zu den Imamen (a.) eine enge Verbindung aufbauen, zum Propheten eine enge Verbindung aufgebaut hätten, und jene, die zum Propheten eine Verbindung aufbauen, zu Gott eine Verbindung aufgebaut hätten.

Das heißt, eine Verbindung zwischen einem Menschen und einem Fehlerlosen ist eine direkte Beziehung zu Gott.

Wie kann jedoch die Verbindung zu einem fehlerlosen Imam bestehen, der das Martyrium erlangt hat oder in der Verborgenheit lebt?

Die uns überlieferte Antwort lautet: mittels der Audienzen (Ziyaras). Tatsächlich wird mit jedem Besuch der heiligen Schreine unserer fehlerlosen Imame eine Verbindung aufgebaut. Es ist die Pflicht einer islamischen Gemeinschaft, diese Verbindung mit dem fehlerlosen Imam aufrechtzuerhalten. Dies kann aus der Nähe oder Ferne erfolgen.

Ähnlich verhält es sich mit den Trauerzeremonien. Sie sind auch eine Verbindung, die mit einem Fehlerlosen aufgebaut wird. Die Tränen, die z. B. für Imam Hussein (a.) fließen, sind ebenso eine Verbindung, die wir zu seinen Zielen aufbauen. Es sind keine Tränen, die nur fließen, weil einem Unterdrückten durch einen Unterdrücker Unrecht geschah. Diese Tränen bedeuten einen Treueid oder ein Bündnis zwischen uns und unserem Imam. Wir wollen mit diesen Tränen seinen Aufstand lebendig halten. Diese Verbindung bringt eine Bewegung mit sich und bedeutet nicht Stillstand.

Auf welche Art und Weise haben die Propheten getrauert?

Jeder Prophet von Adam (a.) bis zum letzten Propheten Muhammad (s.) setzte für eine Verbindung mit Gott seine Tränen ein.

Von Imam Ali (a.) wird überliefert: „Tränen, die aus den Augen fließen, und die Angst und Bedrückung, die man im Herzen verspürt, sind beides ein Zeichen der Gnade Gottes. Wenn ihr diese beiden Dinge in euch verspürt, dann verpasst nicht die Zeit des Bittgebetes. Denn dann ist die Zeit für die Bittgebete angebrochen.“

Die Tränen repräsentieren die Zunge des Herzens und mittels der Tränen kann ein Mensch den Höhepunkt seiner Emotionalität erreichen. In der Psychologie sagt man Tränen unterschiedliche Ursachen nach, u. a. Freunde, Angst, Streit, Trennung und Erniedrigung. Die Verbindung zu einem Fehlerlosen (a.) ist ebenso ein Grund.

Was bedeuten die Tränen für Imam Hussein (a.)?

Die Tränen für Imam Hussein (a.) bedeuten: O Imam Hussein (a.), ich stehe dir zu Diensten. Wir bezeugen, dass wir bereit sind. Wir sagen mit unseren Tränen: O Imam Hussein (a.) ich bin dir, deinen Zielen und Beweggründen gegenüber treu und teile sie mit dir.

Während wir weinen, sind wir – gemäß den Überlieferungen – im Einklang mit der gesamten Schöpfung. Im Moment des Martyriums des heiligen Imams weinte die gesamte Schöpfung. Diese Tränen können nur dann fließen, wenn der Weinende Kenntnis über Imam Hussein (a.) hat. Tränen, die mit Kenntnis fließen, verbinden den Weinenden mit Imam Hussein (a.) und er wird zu ihm gehören.

In einem Dialog zwischen Imam Sadiq (a.) und einer Person namens Abu Walad al-Kahili fragte der Imam: „Hast du meinen Onkel Zaid gesehen?“
Al-Kahili antwortete: „Ja, ich habe ihn in dem Moment gesehen, als man ihn zum Galgen führte. Ich habe dort zwei Gruppen von Menschen gesehen. Eine Gruppe, die Zaid (wegen seinem vermeintlichen Verbrechen) schmähte, und eine andere weinende und traurige Gruppe.“
Der Imam sagte: „Jene, die um Zaid geweint haben, werden mit ihm im Paradies sein. Und jene, die ihn geschmäht haben, werden an seinem Mord beteiligt sein.“

Gemäß dieser Überlieferung führt das bewusste Trauern und Weinen um Imam Hussein (a.) dazu, dass man zu ihm gehört. Man geht einen Bund mit dem Imam ein.

Scheich Chalilzadeh über Tränen für Imam Hussein
Scheich Mahmood Chalilzadeh

Warum zeigen wir diese Verbundenheit mit Imam Husseins Zielen und Beweggründen nach außen?

Diese Verbundenheit mit Imam Hussein (a.) erfolgt sowohl innerlich als auch äußerlich. Die innere Verbundenheit bedeutet, Liebe und Zuneigung für den Imam zu empfinden. Wie bei jeder Liebe muss man darauf achten, dass sie gepflegt wird. Jede Liebe erfährt Zustände und kann verschiedene Stufen haben.

Die äußere Verbundenheit mit dem Imam erfolgt durch folgende zwei Aktivitäten:

  1. Durchführung von bestimmten Handlungen, beispielsweise Empfohlenem.
  2. Ablassen von bestimmten Handlungen, beispielsweise Sünden.

Der Mensch kann mit der Durchführung einer guten Handlung das Herz des Imams erfreuen, oder er kann das Gegenteil erreichen, in dem er einer nicht erlaubten Handlung nachgeht. Ein Mensch, der an die Führerschaft glaubt und diese Verbundenheit mit dem Imam aufgebaut hat, möchte den Imam nicht enttäuschen.

Und das letzte Merkmal, welches die Verbundenheit zum Imam darstellt, ist es, ein wahrer Schiit zu sein. Hierbei muss man vorsichtig sein, dass nicht die Rechtsschule im umgangssprachlichen Sinne gemeint ist, sondern die Erfüllung der Anforderungen, welche die fehlerlosen Imame selbst als Kriterien festgelegt haben.

In der folgenden Überlieferung wird die Tiefe und Bedeutung dieser Aussage verdeutlicht:

Jemand ging zu Imam Hassan (a.) und stellte sich vor: „O Sohn des Propheten, ich bin einer eurer Schiiten.“
Imam Hassan (a.) sagte sofort: „O Mensch Gottes, wenn du unsere Gebote und Verbote einhältst und all das tust, was wir von euch verlangen, kannst du dich einen Schiiten nennen. Wenn es jedoch nicht so ist, dann füge zu deinen bestehenden Sünden nicht noch eine weitere Sünde hinzu.“ Der Imam führte aus: „Sag, dass du zu den Liebenden gehörst, aber sag nicht, dass du zu den Schiiten gehörst.“

Schia bedeutet, dass der Mensch jeder Anweisung eines fehlerlosen Imams bedingungslos nachgeht. Wenn wir am zehnten Muharram sehen, dass Imam Hussein (a.) bereit war, einige Anhänger für das Verrichten des Gebets zu opfern, dann möchte er uns klar machen, warum er diesen Aufstand begonnen hat. Er möchte uns verdeutlichen, welche Bedeutung u. a. diese Handlung (das Gebet) hat. Wer die Ausführungen von Imam Hussein (a.) analysiert, erkennt seine Beweggründe.

Ein wahrer Trauernder möchte diesen Anweisungen Folge leisten, um zu der Gruppe der Schiiten gehören zu können. Hoffentlich gehören wir zu den wahren Schiiten von Imam Hussein (a.).

Welche Auswirkungen haben die Tränen für Imam Hussein (a.) auf uns?

Zum Abschluss erinnern wir uns an die Worte von Imam Ridha (a.), die durch einen Mann namens Radschan ibn Schabib überliefert wurden.

Radschan berichtet, Imam Ridha am ersten Muharram besucht zu haben.
Der Imam sagte zu Ihm: „Radschan, in der Zeit vor dem Islam galt dieser Monat als ein Monat, in dem Kriege und das Töten verboten waren. Mit der Ermordung von Imam Hussein (a.) hat man diesen Monat, den Propheten und seine Nachfahren entwürdigt und entehrt. Die Frauen und Kinder wurden versklavt und das Hab und Gut des Imams geraubt. Gott wird darüber nicht hinwegsehen.“ Dann führt der Imam fort: „O Sohn des Schabib, immer wenn du für etwas weinen möchtest, dann weine für Imam Hussein (a.), denn er wurde auf die brutalste Art und Weise abgeschlachtet und 18 Personen der Liebsten von Imam Hussein (a.) wurden ermordet. Himmel und Erde haben für Imam Hussein (a.) geweint. Wenn du für Imam Hussein (a.) so weinst, dass deine Tränen von den Augen über die Wangen ins Gesicht fließen, dann solltest du wissen, dass Allah (swt.) dir deine Sünden vergeben wird, unabhängig von ihrer Anzahl.“


Sie befinden sich im Archiv, Kommentierungen sind hier nicht möglich. Zum Live-Blog von Offenkundiges geht es hier: https://offenkundiges.de

Trage deine E-Mail-Adresse ein, um regelmäßig über neue Artikel benachrichtigt zu werden.