Die Generation, die die Geschichte verraten hat


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Ausnahmsweise veröffentlichen wir einen Artikel von einem nichtmuslimischen Autor: Der italienische Autor Savino Balzano, 29 Jahre alt, schrieb am 25. Oktober im Blog L’Intellettuale Dissidente (der intellektuelle Dissident) über die Lethargie seiner Generation. Die kroatische Übersetzung seines Artikels wurde von Saban Buric sinngemäß ins Deutsche übertragen. Die Veröffentlichung in Offenkundiges erfolgt mit freundlicher Genehmigung von L’Intellettuale Dissidente.


 
Jemand schrieb, dass man nicht gegen die Schatten kämpfen kann. Das Einzige, was wir tun können, ist diese zu erhellen. Nur durch die Fragen, die richtigen Fragen, können wir tatsächlich definieren, wer wir sind, woher wir kommen, welchen Wert wir haben und vor allem, was wir wollen. Doch Fragen zu stellen braucht eine Menge Mut, denn jede von ihnen hat ihren Preis, den wir zwangsläufig zu zahlen haben: Die Antwort akzeptieren und ertragen.

Auch wenn es schmerzhaft sein kann: Nur durch Fragen erkennen wir die Verantwortung, die jeder auf sich nehmen muss. Die Verantwortung zu tragen ist eine wesentliche Voraussetzung für das Wachstum und die Emanzipation des Individuums und somit für die gesamte Gemeinschaft. Aber nur Verantwortung zu übernehmen, ist nicht genug. Wir müssen uns entscheiden, ob wir uns düster und resigniert dem Schicksal überlassen, oder einen Weg suchen, um unsere Existenz zu rechtfertigen.

Eine andere Wahl erfordert notwendigerweise Kampf. Wenn wir uns beispielsweise vor siebzig Jahren ähnlich verhielten wie heute, was wäre passiert? Dumme Frage, mag man denken, weil es unmöglich ist, solche unterschiedlichen Perioden mit dem Sozialverhalten dieser Zeit zu vergleichen.

Aber anstatt einzelne Ereignisse zu vergleichen, müssen wir versuchen nachzudenken über die Einstellungen, Vorlieben, die gesellschaftlichen Religionen, was früher ein Klassenbewusstsein war. Kurz gesagt, wir leben in einer Zeit ohne Zukunft. Die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen ist ein Problem mit gigantischen Ausmaßen. Allerdings gibt es keine Anzeichen oder Manifestation der Solidarität zwischen den Generationen, vor allem von dem Moment an, wenn alles in Bezug auf das Arbeitsrecht und die soziale Sicherheit die junge Generation zu zahlen hat.

Junge Menschen sind unsicher im Leben in all seinen Aspekten, die sie für jede Art von Berufs- und Familienplanung unfähig macht.

Die Verringerung und Beseitigung von Investitionen in Kultur und Bildung bedeutet weitgehend, dass bereits der Prozess der geistigen Bereicherung oder Ausdrucksformen, einschließlich der künstlerischen, abgeschafft wurde. Es gibt keine Art von Organisation oder Bewegung, die fähig wäre, die jungen Menschen zu wecken und den Wunsch zu stimulieren, um an der Gestaltung der Geschichte teilzunehmen.

Konfrontiert mit all dem, wie wird darauf reagiert? Dies ist nicht unbedingt eine Glorifizierung der Vergangenheit, in der die gemeinsamen Mythen gerühmt werden. Aber es ist unmöglich, nicht an die jungen Menschen zu erinnern, die im Jahr 1941 sich der antifaschistischen Widerstandsbewegung anschlossen und vier Jahre lang hungrig und durstig ihre Tage verbrachten auf der Suche nach dem Moment zu handeln und zu sterben.

Vielleicht sollte man nicht nur über diese Zeit reden. Später, in Westeuropa, reiften junge Leute so verrückt betrunken mit dem Wunsch heran, die Führung in den Jahren mit Terror zu bekämpfen und auf den Straßen zu töten. Mitglieder der italienischen Roten Brigaden, die deutsche Gruppe RAF, Französische Direkte Aktion, die griechische 17N waren davon überzeugt, dass sie ihr Leben lassen müssten, dass sie zu kämpfen hätten, weil es notwendig gewesen sei, ein ideal in den Ländern zu realisieren, die immer darum rangen, ihre Nachkriegsidentität zu definieren.

Einer der melancholischen Lieder erinnert an sie:

„Welche Stille wird uns verwirren, welcher unsichtbare Herrscher?
Wir betrachteten uns als unbesiegbar.
Zumindest dachten wir so.
Wer verband uns unsere Hände?
Wer hat uns verraten?
Ich weiß es nicht … “

Kann die sogenannte Kulturebbe der 80er Jahre die Ursache sein? Kann für alles die herrschende Elite und der Müll im Fernsehen verantwortlich gemacht werden? Können verschiedene Bigbrothers und Seifenopern allein die Schuld tragen?

Das wäre zu einfach. Wir müssen zum Schlüsselpunkt zurückgehen, uns selber die Fragen stellen, die Antworten finden, identifizieren und Verantwortung dafür übernehmen. Uns stärken und kämpfen.

Aber wer sind wir? Traurig, aber wahr: Der Journalist Enrico Mentana hat am 10. April 2016 auf dem Internationalen Festival für Journalismus gesagt: „Wir sind diejenigen, die in der einen Hand Coca-Cola und in der anderen Hand ein schlaues Smartphone halten können, aber eins ablegen, um mit der freien Hand einen Protestslogan zu halten. Wir müssen es sagen, egal wie sehr es uns schmerzt, denn sonst werden wir uns nie vorwärts bewegen.“

Leider sind wir die Generation der Selfies, schmollend, mit dem ungelesenen Buch auf den nackten Schenkeln, wenn wir am Meer sind. Wir sind die Generation, die aus Angst in die Hose macht, wenn sie ihre Schwächen, ihre Ängste zugeben soll, aber unbedingt Sicherheit ausstrahlt und zur Schau stellt.

Wir sind eine völlig entleerte Generation, bezwungen von ihrem eigenen Hunger und ihrer Langeweile, in einem öden Zustand. Wir sind eine Generation, die nichts weiß, die nichts gelesen hat, aber tendiert zu Rock-Politik, Fashion-Demokratie und Chic-Radikalität. Wir sind eine Generation, die es genießt, in einer lügenhaften und pathetischen Dekadenz verwöhnter Kinder zu leben, die nichts tut, nichts erreicht, nichts erkennt, die nicht den Mut hat zu laufen und zu kämpfen. Wir sind eine Generation oft ohne jede Demut, Sensibilität, Menschlichkeit, die nur ein Idol hat: unser Ego, unseren blinden Individualismus und Egoismus. Wir sind die Generation, die zu weinen beginnt, wenn sie Fotos von niedlichen Kätzchen auf Facebook sieht, und gleichgültig bleibt gegenüber dem Leiden und Opfer anderer.

Wir sind die Generation, die Menschen mit Fabrik-Produkten vergleicht, die unglaubliche Fähigkeiten besitzen müssen. Wir sind eine Generation, die immer und in jedem Fall glaubt, eine Antwort und eine Meinung zu haben, auch wenn sie das Buch mit Zitaten ersetzt, gelesen aus Wikipedia, möchte aber richten und mit dem Finger zeigen.

Wir sind die Generation der Äußerlichkeiten, der Widersprüche. Wir sind die Generation, die weiter geht, die sich ergibt und schweigt. Wir sind die Generation, die diese Worte vergessen wird und sie im wasserfesten Lächeln ergehen lässt.

Wir leben in einer Welt der Fiktion und hegen nicht vorhandene Gefühle. Wir sehen unendlich viele Möglichkeiten. Alles was wir erreichen können, betrachten wir als unzureichend im Vergleich mit dem, was wir glauben, dass wir es bekommen können. Aber vor allem müssen wir sozial sein. Dies ist von grundlegender Bedeutung. Wir sind umgeben von Menschen, aber mehr und mehr fallen wir in erstickende Gefühle der Einsamkeit. Sagen wir es uns selbst ins Gesicht, solange es nicht zu spät ist, weil wir vielleicht noch Zeit haben für die Vorbereitung der Antworten, die eines Tages die Geschichte machen werden. Die Geschichte unseres Lebens, unsere Zeit. Unsere Welt wird uns zur Rechenschaft ziehen, wenn wir nicht handeln. Wie Edmund Burke sagte: „Niemand beging einen größeren Fehler als jener, der nichts tat, weil er nur wenig tun konnte … “

Quelle: http://www.lintellettualedissidente.it/italia-2/la-generazione-che-ha-tradito-la-storia/


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