Die Pflichten der Muslime gegenüber den Armen in Deutschland


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Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wird erkennen, dass die Gesellschaft, in der wir leben, eine höchst ungerechte ist. Wir haben es in Deutschland wie auch in vielen anderen Ländern dieser Welt mit einer absurden Ungleichverteilung zu tun. Laut dem aktuellen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind über 15% der deutschen Bevölkerung von Armut betroffen (haben weniger als 60% des Durchschnittsverdienstes zur Verfügung). In strukturschwachen Gegenden wie dem Ruhrgebiet sind es sogar 20%, bei etwa diesem Wert liegt auch die Kinderarmutsquote [1]. Gleichzeitig herrscht in Deutschland Wirtschaftswachstum, die wohlhabenden Menschen können ihre Vermögen ausbauen [2]. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander, die soziale Spaltung schreitet voran. Verursacht wurde dies durch eine neoliberale Politik, die sich in erster Linie an den Interessen großer, auch transatlantischer Konzerne, Lobbygruppen und nicht zuletzt ihrer selbst orientiert. Es gibt zahlreiche Stellschrauben, mit denen man diesem ökonomischen Ungleichgewicht entgegenwirken könnte. Stattdessen bleibt beispielsweise Leiharbeit als Form moderner Sklaverei erlaubt, der Mindestlohn auf einem lächerlichen Niveau und die Rente ein Trauerspiel ohne gleichen.

Die Folgen sind dramatisch: Menschen geraten ins soziale Abseits, können sich und ihren Familien keine Teilhabe mehr ermöglichen, werden ausgegrenzt. Besonders hart trifft es die ohnehin schwächeren Bevölkerungsgruppen der Kinder und alten Menschen.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, wie wir Muslime uns zu verhalten haben. Sollen wir dieses turbokapitalistische Treiben schlicht mitmachen und es damit am Leben erhalten? Dass das nicht der richtige Weg sein kann, erschließt sich wohl durch den Gebrauch des eigenen Verstandes und das Berücksichtigen seiner Menschlichkeit. Was also soll der Muslim tun? Viele Muslime halten sich an die dritte der fünf Säulen des Islams und geben die Zakat (Almosensteuer) und im besten Falle auch noch die Sadaqa (freiwillige Spende). Das ist in jedem Falle gut und richtig! Doch ist es ausreichend? Der Quran spricht in zahlreichen Versen über die Wichtigkeit der barmherzigen Haltung gegenüber Waisenkindern und allgemein Bedürftigen. Der folgende Vers dient als Beispiel: „Hast du denjenigen gesehen, der die Religion verleugnet? Er ist derjenige, der das Waisenkind schroff abweist, und auch nicht dazu ermutigt, den Bedürftigen zu speisen.“ (107:1-3)

Was bedeutet das? Es bedeutet unmissverständlich, dass es die Pflicht eines jeden Muslims ist, für die bedürftigen Teile der Gesellschaft Sorge zu tragen. Ein Abweichen davon wird sogar als Verleugnung der Religion bezeichnet. Natürlich wird kein Muslim über sein Vermögen hinaus belangt. Jeder soll genau das tun, was er fähig ist zu tun, er soll sich nicht selbst aufgeben und am Ende selber Armut leiden, sondern einen Weg der Mitte einschlagen: „Und lasse deine Hand nicht an deinem Hals gefesselt sein, strecke sie aber auch nicht vollständig aus, sonst würdest du getadelt und (aller Mittel) entblößt dasitzen.“ (17:29)

Die Gesellschaft zu Zeiten des Propheten (s.) unterschied sich deutlich von der heutigen. Die Gesellschaft, die der edle Gesandte (s.) Gottes errichtete, hatte nichts mit dem mörderischen Kapitalismus der modernen Zeiten gemein. Die quranischen Gebote sind dieselben geblieben, aber die Gesellschaft hat sich gewandelt. Dadurch muss sich auch unsere Haltung zu dieser Gesellschaft ändern. Wo immer Not, Ausbeutung und Ungerechtigkeit an der Tagesordnung sind, müssen wir Muslime uns geeinigt dagegenstellen und unser Möglichstes tun, die Gesellschaft zum Besseren und Gerechteren zu verändern. Die Arten und Weisen, wie das geschehen kann, wie Muslime sich für Gerechtigkeit einsetzen können, sind so zahlreich wie die Muslime selbst. Ob dies durch politisches Engagement, Mitarbeit in wohltätigen Organisationen oder auf andere individuelle Weisen geschieht, hängt nicht zuletzt von den Möglichkeiten und Fähigkeiten der unterschiedlichen Muslime ab.

Wichtig ist, dass wir dem islamischen Anspruch gerecht werden, Armut und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft nicht zu dulden und die Bedürftigen nicht sich selbst zu überlassen. So können wir mit Gottes Hilfe eine wahrhaft menschliche Gesellschaft erreichen.

[1] Der ganze Armutsbericht: http://www.der-paritaetische.de/armutsbericht/?layout=veydegzcewhxmz%27A%3D0
[2] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/einkommen-in-deutschland-arme-und-reiche-verdienen-mehr-die-mitte-verliert-a-1112261.html


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