Ein Vorbild sagt mehr als tausend Worte


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Jeder von uns hat einen oder mehrere Vorbilder. Wenn nicht, dann wird es langsam Zeit. Aber was ist ein Vorbild? Wozu ist ein Vorbild gut? Und wenn ja, wie benutzt man ein Vorbild?

Ein Vorbild ist Jemand, deren Verhalten, resultierend aus seiner moralischen Vorstellung, von anderen als nachahmenswert empfunden wird. Das Verhalten des Vorbildes wird als positiv bewertet. Das eigene Verhalten soll an das des Vorbildes angeglichen werden. Wer sich ein Vorbild sucht, stellt sein eigenes Verhalten in Frage, bewertet es dann als rückständig und ordnet das Verhalten des Vorbildes als weiterentwickelt und nachahmenswert ein. Hat man das Verhalten des Vorbildes zu seinem eigenen gemacht, wird dies als persönlicher Fortschritt empfunden.

Ein Vorbild ist für die persönliche Entwicklung unabdingbar, da das Vorbild eine Weiterentwicklung ermöglicht und so die Lebenskompetenz steigert. Einfachste Handlungen des Vorbildes werden nachgeahmt, imitiert. Dies führt dazu, dass der Befolger seine Handlung eines Tages ohne Anleitung und Hilfe selbstständig erledigt und damit zu einem selbständig denkenden und handelnden Individuum wird. Nicht nur Eltern, auch Vereinsvorstände, Gruppenleiter oder Geschwister sind die wichtigsten Vorbilder eines Menschen, da sie das Verhalten eines Menschen von grundauf beeinflussen.

Ein gutes Vorbild ist jemand, der nicht nur Gedachtes, sondern auch Denken lehrt und vorlebt. Denn allein das lehren und predigen macht noch kein Vorbild. Oder wie Goethe mal sagte: „Mit einem Herrn steht es gut, der, was er befohlen, selber tut.“ Ein jüdisches Sprichwort besagt: „Gute Vorbilder machen mehr Eindruck als Drohungen“. Ein Vorbild ist ein Mensch, der zu einem Maßstab gemacht wurde, welches man freiwillig und aus Bewunderung nachahmt. Wer (noch) kein Vorbild hat, sollte sich schnell eins besorgen. Der griechische Sklave und Philosoph Epiktet (50 – 138 n. Chr.) soll gesagt haben: „Setze dir ein Muster und Vorbild, und lebe nach ihm, sowohl wenn du allein bist, als wenn du unter die Leute kommst.“

Wenn wir von uns Schiiten ausgehen, dann hat jeder Schiite ein Vorbild der Nachahmung (Mardscha-ul-Taqlid). Neben einem Vorbild der Nachahmung, hat jeder von uns sicherlich noch einen (oder mehrere) Ayatullah, Gelehrten oder Vorbild aus der Moscheegemeinde oder einfach ein Freund den man aus Bewunderung nacheifert. Das wichtigste ist: Man sollte die Taten eines Vorbildes nicht nur gut finden und bewundern, man soll diese Nachahmen. Oder anders ausgedrückt: Demjenigen, dem ich alles nachmachen möchte, ist mein Vorbild. Ob ich es nun so sage und sehe ist unwichtig. Wichtig ist, wie wer ich sein möchte.

Und genau hier setzt mein eigentlicher Essay an, ich werde versuchen meinen Gedanken an einem Beispiel „Gemeindearbeit in Deutschland“ zu verdeutlichen. Mein Vorbild ist z.B. Bruder Yavuz. Was heißt das jetzt für mich? Reicht es aus Bruder Yavuz als Vorbild zu sehen und jedem zu erzählen, dass Bruder Yavuz mein Vorbild ist? Sicherlich nicht. Meine Aufgabe ist zu schauen, was Bruder Yavuz denn zum Vorbild (für mich) macht.

Bruder Yavuz hält seit gefühlt 50 Jahren deutsprachige Vorträge über den Islam und die Muslime in Deutschland und der Welt. Also muss es für mich heißen, wenn ich so sein möchte, wie mein Vorbild Bruder Yavuz, muss ich versuchen mich ebenfalls zu bilden und Vorträge zu halten. Wenn ich schüchtern bin, muss ich meine Schüchternheit überwinden. Wenn ich rethorisch und sprachlich nicht fit bin, muss ich mich diesbezüglich bilden.

Bruder Yavuz schreibt aber auch Texte und veröffentlicht diese im Internet. Also ist es meine Aufgabe als Befolger meinem Vorbild nachzueifern und ebenfalls Texte zu schreiben und diese zu veröffentlichen. Wenn ich sowas noch nie gemacht habe, dann ist es an der Zeit es zu lernen, schließlich möchte ich ja so sein wie Bruder Yavuz. Bruder Yavuz ist fasziniert von Imam Chamenei und schwärmt immer zu von ihm, also muss ich schauen woran das liegt und es von ihm erfragen. Bruder Yavuz liest viel (sehr, sehr viel) also muss ich auch lesen. Bruder Yavuz sucht immer den Dialog mit anderen, auch mit denen die es nicht verdienen, also muss ich es nachahmen. Bruder Yavuz ist interessiert am täglichen Weltgeschehen aber auch am Geschehen in seiner Stadt.

Wenn ich Bruder Yavuz als mein Vorbild sehe, aber nur wenig dafür tue so zu werden wie Bruder Yavuz, dann ist Bruder Yavuz wohl nicht mein Vorbild, sondern jemand anderes. Dann schwärme ich zwar von Bruder Yavuz und bewundere ihn, aber nicht seine Anstrengungen, die ihn so werden ließen. Wenn ich nicht gerne lese aber das Wissen von Bruder Yavuz bewundere, dann bin ich nichts weiter als ein Konsument, aber kein Befolger von Bruder Yavuz. Bruder Yavuz dient mir dann nur als Unterhalter und Vorleser.

Wenn ein Vorbild bspw. einen Felsen einen Berg hochschleppt, dann wäre ein wahrer Befolger jemand, der dem Vorbild hilft den Felsen hochzuschleppen, weil man vom Nutzen dieser Tat überzeugt ist. Ein schlechter Befolger hätte zwar Symphatie für die Tat des Vorbildes, würde das Vorbild sogar motivieren und loben für seine Mühen und andere dazu animieren diese Schlepperei zu loben, aber mithelfen würde dieser nicht.

Ein weiteres Beispiel: Einige in Deutschland bewundern Sayed Hassan Nasrallah (zurecht) weil er sich innenpolitisch für sein Land (Libanon) eingesetzt hat. Sie verehren diesen ehrenwerten Mann, hängen Bilder von ihm in ihre Wohnungen, hören seine Reden an und bewundern ihn, für seine innenpolitischen Verdienste. Libanon (oder Nah-Ost) ist für uns in Deutschland Außenpolitik. Wenn wir Sayed Hassan Nasrallah wirklich als Vorbild haben wollen, dann reichen unsere Zurufe nicht aus, wir müssen ihn nachahmen. Wir müssen es ihm nachmachen und innenpolitisch Top informiert sein und uns da wo wir leben – so wie Sayed Hassan Nasrallah dort wo er lebt – engagieren. Einige leben hier in Deutschland und kennen sich mit der politischen Lage im Libanon besser aus, als in Deutschland. Da stimmt doch etwas nicht. Sayed Hassan Nasrallah wird so bewundert, weil er sich dort Einsetzt wo er lebt. Sich informiert über die soziale Lage der Menschen in seinem Land. Die Souveränität und Sicherheit seines Landes einsetzt. Ihn nachzuahmen beudetet nicht, es ihm gleich zu tun und sich ebenfalls mit den Zuständen im Libanon vertraut zu machen (schaden kann es sicherlich nicht). Sayed Hassan Nasrallah als Vorbild haben beudeutet es ihm in unserem Land nachzumachen. Sayed Hassan Nasrallah als Vorbild haben bedeutet, sich für die Schwachen in Deutschland einsetzen, (innen-)politisch gut informiert sein, oder wie der Essayist Ali Chaukair sagt: „….lesen, denken, schreiben…“.

Ein Vorbild ist nicht nur jemand, dem man gerne zuhört, oder dessen Texte man gerne liest. Ein Vorbild ist jemand der einen Weg makiert hat und vorgegangen ist. Ein Vorbild ist niemand der einem zum Ziel trägt, sondern vorlebt wie das Ziel zu erreichen ist. Ein Vorbild ist jemand, dessen Befolgung Anstrengung bedeutet, nicht Gemühtlichkeit.


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