Eklat an der Uni Oldenburg: Wenn die Antisemitismus-Keule wieder zuschlägt


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Ein Skandal, der sich am Mittwoch, den 27. Januar, an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg im Eingangsbereich des Mensafoyers zugetragen hat: Während eines Informationsstandes zur zweiten Friedensbotschaft des islamischen Theologen, Imam Chamene’i, musste eine Gruppe muslimischer Studenten trotz Genehmigung nach zwei Stunden ihren Stand völlig überraschend räumen und verschwinden.

Vor dem Hintergrund des anwachsenden Fremdenhasses gegen die Flüchtlinge und der muslimischen Mitbürger seitens der hiesigen deutschen Bevölkerung schloss sich eine Gruppe von jungen muslimischen Studenten zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik zusammen, um die lieben Kommilitonen an der Universität in Oldenburg auf einen Briefschreiben des religiösen Oberhauptes der Schiiten aufmerksam zu machen. Dieser wendet sich in voller Aufrichtigkeit in seiner Botschaft an die Jugend im Westen, spricht die Probleme und Ungerechtigkeiten der heutigen Welt an, und bekundet offen sein Mitleid – und das aller Muslime – mit den Opfern der Terroranschläge von Paris.

Zur Förderung des interkulturellen und interreligiösen Dialogs sollte – mit Blick auf die Botschaft des islamischen Theologen – indes akzentuiert werden, dass ein solcher barbarischer und verabscheuungswürdiger Akt der offensiven Gewalt weder menschlich noch religiös zu rechtfertigen ist, und jeglicher Verstoß gegen die Menschlichkeit, wo immer er auf der Welt stattfindet, entschieden abgelehnt und nicht geduldet werden darf.

Die meisten interessierten Studenten lobten die Aktion und solidarisierten sich mit den muslimischen Anwesenden. So auch eine Studentin und freie Mitarbeitern des „Center for Migration, Education and Cultural Studies“, mit der die Muslime ein konstruktives Gespräch auf der Basis der gemeinsamen Werte für ein friedliches Zusammenleben führten. Doch musste man in der ersten Stunde auch kritische Stimmen hinnehmen. Ein Kommilitone bemängelte die aus seiner Sicht zu einseitige Kritik des islamischen Theologen. Es sei zu einfach, die Ursache der Probleme in den arabischen Ländern auf die Politik der USA und des israelischen Besatzungsregimes zurückzuführen. Eine differenziertere, selbstkritische Betrachtungsweise fehle seiner Meinung nach. Der Umgang war trotz deutlicher Meinungsverschiedenheiten höchst achtungsvoll, geprägt von einer respektvollen Grundhaltung gegenüber anderen Menschen mit anderen Meinungen, die die muslimischen und andersdenkenden Studenten den Beteiligten am Informationsstand entgegenbrachten.

Ganz anders fiel die Reaktion eines offensichtlichen Sympathisanten der zionistischen Regierung in Israel aus, der die gute Manier an diesem Vormittag gegen eine unhöfliche, schon gar ins Beleidigende gehende, Artikulationsweise ausgetauscht hatte. Mit den Worten:  „Wieso unterstützt ihr diesen dummen Chomeini [1]?“, begann er seine Beleidigungsrhetorik. Ständig sprach er von Chomeini (statt von Imam Chamene’i [2]), obwohl auf keinem der Bilder sein Foto abgebildet war. Doch vernahm er recht schnell, dass er mit seiner geistigen Niveaulosigkeit und den typischen Blöd-Zeitungsargumenten, die er gegen die muslimischen Studenten hervorbrachte, keinen Blumentopf gewinnen konnte. Der Begriff der „ethnischen Säuberung Palästinas“ [3] erzürnte den begeisterten Sympathisanten dermaßen, dass er, ohne sich zu verabschieden, mit voller Wut den Infostand verließ. Den „Schwachsinn“ (der ethnischen Säuberung) müsse er sich schließlich nicht anhören.

Gewiss ist die Wahrheit für viele Menschen unerträglich schmerzhaft, sodass man sie lieber bekämpft oder passiv bleiben möchte, statt sich auf ihre Seite zu stellen und gegen die Ungerechtigkeit und das Leid auf dieser Welt vorzugehen.

Schon nach wenigen Minuten kehrte der aufgebrachte Sympathisant des zionistischen Apartheidstaates [4] in Israel mit fünf weiteren Personen zurück und alle fingen an, den Iran und die Heiligkeit der Zeit, Imam Chamene’i zu schmähen, während sie das brutale Vorgehen der israelischen Regierung gegen das palästinensische Volk, das ein klares Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt, mit vollem Einsatz zu rechtfertigen versuchten. Sie warfen den friedlichen Muslimen am Infostand antisemitische Propaganda vor und rechtfertigten ihre Behauptungen mit dem Gedenken an die Opfer des Nationalismus, dessen Gedenktag tatsächlich auf den 27. Januar fällt und bundesweit gedacht wird [5]. Doch beabsichtigte keiner der Beteiligten am Infostand, diesem Tag in dieser Form zu gedenken, zumal das niedersächsische Innenministerium nach Bewertung des Verfassungsschutzes zu dem Entschluss kam, dass das Bewerben des Briefes rechtlich völlig unproblematisch sei.[6] Des Weiteren lässt sich schriftlich belegen, dass die Briefaktion von den muslimischen Studenten schon sehr viel früher durchgeführt werden sollte, doch der Erhalt der Genehmigung vonseiten des Raum- und Verwaltungsbüros der Uni Oldenburg sich ungewöhnlich lang hingezogen hatte.

Man stellte der Gruppe die Frage, inwiefern eine friedliche Briefaktion im Mensafoyer der Uni Oldenburg, dessen Autor jede Form von Ungerechtigkeit für falsch erklärt und sich solidarisch mit allen unterdrückten Menschen auf der Erde zeigt, sich gegen die Opfer des Nationalsozialismus in Auschwitz richtete? In welcher Hinsicht legitimiert ein abscheuliches Menschheitsverbrechen vor einem halben Jahrhundert eines in der heutigen Zeit? Wo ist der Zusammenhang zwischen den Inhalten im Brief und den zu verabscheuungswürdigen Taten der Nazis gegen die Holocaustopfer? Sollte man sich nicht vor dem Hintergrund dieses Verbrechens konsequenter und energischer gegen die weltweiten Ungerechtigkeiten auf diesem Planeten einsetzen, damit die Geschichte sich nicht wiederholt? Mit Ausweichmanövern versuchten die aufgebrachten Sympathisanten des zionistischen Apartheidstaates, diesen Fragen aus dem Weg zu gehen. Doch waren die muslimischen Studenten und einige Andersdenkende sich in einem Punkt unzweideutig einig: Der islamische Theologe spricht sich deutlich gegen jene Formen von Leid und Ungerechtigkeit aus, welche die Opfer im Zuge des Zweiten Weltkrieges erleben mussten. Wenn Deutschland eines aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust gelernt hat, dann dass es früher aufstehen und handeln muss, wenn Menschen unabhängig von der Rasse, Religion oder ethnischer Zugehörigkeit willkürlich unterdrückt, vertrieben und ermordet werden. Es wurde vonseiten der Sympathisanten nicht versucht, die Botschaft an die Jugend im Westen objektiv zu studieren und die typischen Blöd-Zeitungsargumente gegen die Heiligkeit der Zeit bei der Bewertung außen vor zu lassen. Schließlich war keiner von ihnen ein einem diskussionsförderlichen Gespräch interessiert, vielmehr bestimmten destruktive Motive das Handeln der Gruppe.

Es fiel der Gruppe auch (scheinbar) schwer, den Unterschied zwischen den Begriffen Antisemitismus und Antizionismus intellektuell zu durchdringen.[7] Je mehr Aufklärungsarbeit geleistet wurde, desto größer wurde der Zorn einiger radikaler Iran- und Chamene’i-Hasser, sodass man sich zusammenschloss, zur Verwaltung ging und Beschwerde einreichte. Wenige Minuten später kamen zwei aufgebrachte Mitarbeiterinnern aus der Verwaltung der Universität und sorgten für die Räumung des Standes. Auf die Frage eines muslimischen Studenten, wieso der Stand geschlossen werden sollte, und inwiefern die diktatorische Art der Schließung mit dem Grundrecht auf Meinungsfreiheit zu vereinbaren wäre, erfolgte keine Antwort. Stattdessen wurde völlig verzweifelt versucht, den deutlichen Diskriminierungsvorfall zu rechtfertigen, um sich den Druck einer Handvoll Studenten und Sympathisanten des zionistischen Regimes beugen und den friedlichen Stand einiger muslimischer Studenten schließen zu können.

Letzten Endes ein trauriges Armutszeugnis einer Universität und ein beschämender Akt zweier Verwaltungsleute, einer religiösen Minderheit an einer staatlichen Institution ein Menschenrecht zu entziehen, ohne jeglichen Erklärungsansatz zu wagen, geschweige denn eine einfache, schriftliche Auskunft abzugeben.

Dieser Artikel wurde von der Gemeinde Muslim-Treff e.V. aus Oldenburg verfasst. Der Autor ist Offenkundiges namentlich bekannt.


 

[1] Imam Chomeini ist der Gründer der Islamischen Republik Iran. Er lebte von 1900 bis 1989.
Vgl.  dazu: http://www.eslam.de/begriffe/c/chomeini.htm. Stand: 02.02.16.

[2] Imam Ali Chamene’i ist das derzeitige Oberhaupt der islamischen Republik Iran und Verfasser der zwei bedeutsamen Briefe an die westliche Jugend. Siehe dazu: http://archiv.offenkundiges.de/category/artikel/imam-chamenei/brief-imam-chameneis/. Stand: 02.02.16.

[3] Vgl. Pappe, Ilan: Die ethnische Säuberung Palästinas: Haffmans Tolkemitt GmbH, 2014.

[4] Vgl. http://www.soal.ch/index.php?id=75. Stand: 03.02.16.

[5] Vgl. https://www.lpb-bw.de/auschwitz-befreiung.html. Stand: 03.02.16.

[6] Vgl. http://www.mi.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_id=14797&article_id=140316&_psmand=33. Stand: 02.02.16.

[7] Vgl. Sand, Shlomo: Die Erfindung des Landes Israel, Mythos und Wahrheit. List Taschenbuch Verlag, 2014.


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