Frauen, Tattoos und Döner – Zaid zwischen halal und haram


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Zaid reißt seine Augen weit auf, blinzelt nicht mehr, und verrenkt fast seinen Hals, als er sich nach der Frau umdreht.
„Was tust du denn da?“, tickt ihn sein Freund Hussein flüsternd von der Seite an.
„Was meinst du?“, fragt Zaid überrascht.
„Na wie du der Frau hinterher guckst. Das ist doch haram“, antwortet Hussein leise.
„Aber ich habe doch nichts Verbotenes getan. Der erste Blick ist doch erlaubt und ich habe nicht weiter geblinzelt, also ist es beim ersten Blick geblieben“, erklärt Zaid teils ernsthaft, teils mit einem scherzhaften Unterton.
„Mein Lieber, wo hast du das denn her?“
„Alle machen es doch so.“ Die ersten Leute drehen sich schon zu ihnen um und geben ihnen Zeichen, dass sie leise sein sollen.
„Dann machen es alle falsch. Auch wenn du nicht mehr blinzelst, musst du deinen Blick abwenden, sonst ist es eine Sünde“, sagt Hussein nun wieder betont leise.
„Ja, aber …“, versucht Zaid noch einzuwenden, als Hussein ihm das Wort nimmt: „Nichts aber, mein Lieber, du willst dich doch nicht selbst betrügen, oder?“
Zaid denkt nach. „Lass uns weiterlernen, wir haben noch einiges vor uns und die Prüfung ist schon bald“, sagt er schließlich, um das Thema abzuschließen.

In der Uni-Bibliothek ist es stickend heiß. In der Schule bekam man bei solchen Temperaturen Hitzefrei, an der Uni aber interessiert so etwas niemanden mehr. Es ist Sommer, Zaid muss für seine Semesterabschlussprüfungen lernen. Kurz vor der Mittagsgebetszeit gibt Hussein Zaid ein Zeichen zur Pause. Zaid stimmt zu, wie immer beten sie zuerst, danach wollen sie zusammen essen gehen.

Auf dem Weg nach draußen kommen den beiden zwei junge Frauen entgegen.
„Hi Zaid“, rufen sie und eine umarmt ihn auch schon, bevor er sich dagegen wehren kann.
„Hallo“, sagt Zaid verlegen und versucht sich dabei aus der Umarmung zu lösen. Hussein traut seinen Augen nicht.
„Zaid, du hast ja deinen Bart rasiert. Sieht schick aus.“ Jetzt fällt es auch Hussein auf.
„Ja, musste mal wieder sein“, antwortet Zaid.
„Und was macht das Lernen?“, fragt eine der Frauen.
„Geht so“, antwortet Zaid, „ist sehr anstrengend.“
„Ja, ist echt kaum auszuhalten bei diesem Wetter“, ergänzen ihn die beiden.
„Naja, wir müssen weiter, wollen gleich noch was essen.“
„Ok, alles klar. Bis bald und viel Erfolg beim Lernen weiterhin“, verabschieden sich die Frauen.
„Danke, euch auch“, antwortet Zaid, der sich beim Weitergehen noch umdreht.

„Ich weiß, was du denkst“, sagt Zaid an Hussein gerichtet, „aber glaub mir; ich hasse diese Umarmungen, ich weiß nur nicht, wie ich es ihnen erklären soll.“
„Ist doch ganz einfach: Sag ihnen, dass du das nicht möchtest, weil deine Religion es dir verbietet. Die direkte Wahrheit ist meist das Beste“, rät Hussein.
„Ja, aber das geht nicht so einfach. Das hört sich irgendwie komisch an, vielleicht auch ein wenig radikal“, entgegnet Zaid.
„Radikal hin oder her, irgendwann muss man sich mal weiterentwickeln.“
„Das sagt sich so einfach.“
„Ja, und es ist auch einfach. Haram ist haram und muss auch so behandelt werden.“
„Inschallah.“
„Und was machen wir mit deinem Bart. Warum hast du ihn rasiert?“
„Ich weiß nicht, der war so lang geworden, und bei dieser Hitze hat er mich extrem gejuckt, ich hab mir gedacht: Das erleichtert einiges.“
„Ja, aber Zaid, das ist doch auch nicht erlaubt. Jetzt sag’ mir nicht, du hast auch noch ’ne klassische Rasierklinge benutzt?“
„Nein, nein, keine Sorge, ich habe es einfach mit der Maschine getrimmt.“
„Ja, aber es sollte noch etwas da sein, was man als Bart bezeichnen kann, und sei es ein Drei-Tage-Bart.“
„Sicher? Ich dachte, es ist ok, wenn man mit Maschine trimmt, auch wenn alles weg ist.“

Beim Dönerladen angekommen trauen beide ihren Augen nicht: Im Kühlschrank stehen Bierflaschen – die waren gestern noch nicht da.
„Was ist denn hier passiert?“, fragt Hussein entsetzt.
„Keine Ahnung“, antwortet Zaid.
„Na toll, und was machen wir jetzt? Wenn er Bier verkauft, dann können wir ihm doch beim Fleisch auch nicht trauen“, merkt Hussein an.
„Ja, aber ist die Fatwa nicht so, dass es hierauf nicht ankommt, sondern nur darauf, ob man dem Verkäufer vertraut?“
„Ja, aber kannst du dir beim Fleisch noch sicher sein, wenn er Bier verkauft?“
„Hm“, überlegt Zaid „also eigentlich dachte ich, dass ich Mehmet relativ gut kenne, aber das schockt mich schon irgendwie.“
In dem Moment winkt Mehmet ihnen fröhlich aus dem Dönerladen zu, und lädt sie gestikulierend ein, reinzukommen. Beide überlegen.
„Wir sollten ihm zeigen, dass wir das nicht ok finden mit dem Bier. Wir sollten nicht reingehen“, sagt Hussein und zeigt, zu Mehmet blickend, mit seinem Zeigefinger auf die Bierflaschen und schüttelt dabei mit dem Kopf. Mehmet zuckt nur verlegen mit den Achseln. Zaid versucht mit seinen Lippen durch das Fenster zu sagen: „Wenn die Bierflaschen wieder weg sind, dann kommen wir wieder. Sorry, das geht so nicht, Bruder.“ Mehmet guckt etwas verdutzt, als die beiden hiernach einfach gehen.
„Und was nun? Er war der Einzige, dem wir noch trauten, und jetzt haben wir auch ihn verloren“, sagt Zaid.
„Ja, das ist irgendwie schade. Wollen wir uns nicht ein paar Fischbrötchen holen?“, antwortet Hussein.
„Ja, wieso nicht. Ich hab richtig Kohldampf. Hauptsache: was zu Essen, jetzt.“

„Hussein, was hältst du eigentlich von Tattoos?“, fragt Zaid, kurz bevor er in das Fischbrötchen beißt.
„Was meinst du genau?“, fragt Hussein zurück, seine Pommes in Ketchup eintauchend.
„Ja, also du kennst doch diese Tattoos, zum Beispiel das Schwert von Imam Ali auf dem Arm, oder einen der Namen der Ahlulbait auf dem Oberkörper. Ich überlege mir so etwas stechen zu lassen.“
„Tattoos sind zwar nicht verboten, wenn sie nicht verhindern, dass das Wasser beim Wudhu oder Ghusl auf die Haut kommt“, merkt Hussein an, „aber meinst du wirklich, du kannst deine Liebe zu Allah und den Ahlulbait dadurch stärken, dass du ein Schwert oder einen ihrer Namen auf deinen Körper stechen lässt?“
Mehr als ein nachdenkliches „Hm, da ist was dran“ bekommt Zaid nicht über die Lippen.

Als er mit dem Essen fertig ist, nimmt er sein Handy in die Hand und tippt darauf herum. Es klingelt nach kurzer Zeit, und er tippt erneut.
„Mit wem schreibst du da?“, fragt Hussein.
„Ach, das ist nur so eine Freundin aus dem Internet“, antwortet Zaid, der immer noch tippt.
„Wie, ‚Freundin‘?!“
„Naja, also wir lernen uns kennen. Du weißt schon, fürs Heiraten.“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Und wie lange lernt ihr euch schon kennen?“
„Seit einer Woche etwa.“
„Nach nur einer Woche hast du schon ihre Nummer? Wissen ihre Eltern davon?“
„Nee, noch nicht.“
„Wie, noch nicht?“
„Also noch wissen sie es nicht, weil ich noch nicht mit ihrem Vater gesprochen habe. Du weißt doch, wie das ist. Das geht nicht so einfach.“
„Zaid, wieso machst du so was? Ich dachte, wir wären gute Freunde. Du weißt doch, dass du mich bei so was um Rat fragen kannst. Du hättest das nicht so angehen dürfen. Das ist sowohl religiös bedenklich, wenn nicht sogar verboten, und weder gut für dich noch für die Schwester. Du hättest zuerst mit ihrem Vater sprechen müssen.“
„Das habe ich ja noch vor. Ich will nur erst sicher gehen, dass alles passt.“
„Bruder, Habibi, das ist falsch so. So macht man das nicht. Du kannst nicht die Suppe zu Ende kochen, und dann den Vater zum Essen einladen. So etwas macht kein Vater mit, wenn er es erfährt.“
„Dann erfährt er es eben nicht.“
„Selbst wenn ihr irgendwann heiraten solltet, eine solche Ehe hat doch keinen Segen. Das ist nicht der richtige Weg, Habibi.“
„Was soll ich tun, Hussein. Ich bin ein armer Student, ich will heiraten, ich mag sie. Aber denkst du, ihr Vater macht das mit? Ich habe nicht mal festes Einkommen, noch habe ich eine Wohnung, geschweige denn ein Auto. Und dann kommt noch hinzu, dass sie Libanesin ist und ich Iraker. Du weißt doch, wie das ist. Wer achtet schon noch auf halal und haram. Da gehts doch nur noch darum, woher du kommst, was du machst, und was du hast. Wir sollten langsam los, wir haben heute noch einiges an Lernstoff vor uns.“


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