Integrationspflicht für Muslime?


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Immer wieder ist zu hören oder zu lesen, dass Muslime ein Integrationshindernis darstellen. Oder Muslime wollen sich nicht in die Mehrheitsgesellschaft integrieren. Ja, gar können sich Muslime nicht integrieren, selbst wenn sie wollten, da sie Muslime sind. In einigen europäischen Staaten wollen einige Regierungschefs eine weitere Ladung Muslime aus dem Ausland um jeden Preis verhindert.

All dieser Islamhass, auch wenn er nicht als solches definiert wird, ist längst politisch korrekt in der Gesellschaft integriert. Bei dem Versuch, die Muslime in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, wurde wohl versehentlich der Islamhass integriert. Der Ruf, nach der Verteidigung der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ hat die Ohren der Toleranz taub werden lassen. Doch wer die freiheitlich-demokratische Grundordnung wirklich liebt, begnügt sich nicht mit täglichen Lobgesängen, sie sei die beste, die vorbildlichste auf der Welt. Nein, er arbeitet unablässig daran, dass sie es ist und bleibt. Es wird lieber Integration von anderen als Toleranz bei sich selbst gefordert. Wie würde Friedrich Rückert sagen:

Wer einem Fremdling nicht sich freundlich mag erweisen, der war wohl selber nie im fremden Land auf Reisen.

Johann Wolfgang von Goethe hat schon vorausgesagt: „Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter.“ Eigentlich verspürt doch nur ein untergegangenes Land Fremdenhass. Nur ein Land, das gerade untergeht, lässt zu, dass täglich Flüchtlinge oder ihre Unterkünfte angegriffen werden.

Aber wozu dient diese ganze Diskussion, um die Integration der Muslime in Deutschland? Es sei erwähnt, dass allein von den Muslimen die Integration gefordert wird. Wozu also diese ganze Debatte? Nun, Islamkritik soll die Muslime zur Vernunft bringen und sie zur Integration einladen. Ein Islamkritiker nach dem Anderen verhöhnt, beleidigt und erniedrigt die Religion des Muslims, nennt es aber Integrationsförderung. Wenn du bei einem Islamkritiker tiefer bohrst, dann stößt du oft auf die Sehnsucht nach einem Glauben und/oder die Trauer um eine verlorene geistige Heimat. Aber nicht allein in Deutschland schwingt die Integrationsdebatte, in der ganzen EU kreist die Integrationsaufforderung ihre Runden.

Die andere Seite der Integrationsdebatte ist die stärkere Reflexion Europas über ihre eigene Kultur und dessen, wofür Europa eigentlich steht: Was genau sind die Werte, auf deren Übernahme die europäischen Mitgliedstaaten die Muslime verpflichten wollen? In vielen Ländern hat diese Frage bereits zu intensiven Auseinandersetzungen mit der eigenen nationalen Identität geführt. Hierzu ein Beispiel:

Im Jahre 2005 gab es in der EU eine Diskussion im Rahmen der „Präambel“ der EU-Verfassung. In dem kurzen Text sollte die europäische Zivilisation als Ganzes charakterisiert werden, wobei die große Frage die war, was darin alles erwähnt werden soll: Ist Europa eher im Christentum verwurzelt oder ist es doch die Tradition der Aufklärung, der Europa ihre europäischen Werte verdankt?

Im Hinblick auf Letzteres: Wäre es dann eher die Aufklärung der Toleranz und religiösen Liberalität oder die eines strikten Säkularismus? Die Meinungen hierüber gingen weit auseinander, doch Kern der Debatte war die Annahme, dass es Werte gibt, die als typisch europäisch anzusehen sind. Daraus wurde von einigen gefolgert, dass es dann im Umkehrschluss auch Kulturen geben müsse, die eben diese Werte nicht hervorgebracht haben, und deren Angehörigen sie entsprechend „beigebracht“ werden müssten.

Die Integration der Muslime dient also der Identitätsfindung Europas. Europa definiert sich allein durch die Abgrenzung von anderen, von Muslimen, und ohne eine Abgrenzung zum Islam würde Europa seine Identität verlieren.

Muslime stören die Europäer, weil die Muslime eine Identität haben, was Letzteren fehlt. Wenn Muslime mit ihrer Identität dem Europäer gegenüberstehen, scheint es, als sei der Europäer neidisch. Die Niederlande beispielsweise sah sich zu Beginn des neuen Jahrhunderts gefordert, zu einer Konstruktion ihrer Identität selbst beizutragen, indem sie an einer erneuten „Vergegenständlichung“ der nationalen Geschichte arbeitete. So haben zum Beispiel niederländische Historiker einen „Kanon der Niederlande“ erarbeitet und geholfen, den Plan für ein erstes Nationalmuseum neu zu entwickeln. Muslime sollen diesen Kanon nun verinnerlichen um sich zu integrieren.

So wird die Identitätskrise des Westens an dem kulturell Anderen abgearbeitet. Die Brisanz der Integrationsdebatte, die enorme Emotionalität, die in diesem Zusammenhang zum Ausdruck kommt, verweist also darauf, dass damit Themen verhandelt werden, die in allen beteiligten Kulturen umstritten sind, die sich aber in Projektion auf die andere Kultur an dieser abhandeln lassen. Dies rührt an einem allergischen Punkt in der westlichen Debatte: Der Westen wird provoziert, weil seine Identität widersprüchlich ist, wenn auf der einen Seite Gleichheit eingefordert und zugleich die Differenz betont wird.

Ich glaube: Der erbitterte Kampf des Westens „gegen“ den Islam und die Muslime ist eigentlich ein Hilferuf nach Identität. Der Kampf „gegen“ den Islam und die Muslime dient der Identitätsfindung. Während Muslime „für“ westliche Werte kämpfen, versagen westliche Staaten, wenn es darum geht, diese ihrerseits durchzusetzen. Freiheit und Demokratie werden von den Muslimen eingefordert, während eben diese Werte ihnen vom Westen vorenthalten werden.

Nun gibt es viele Strömungen in der Gesellschaft, die einer solchen Auseinandersetzung mit Differenzen aus dem Weg gehen möchten und glauben, ihre Identität vor allem dadurch wahren zu können, dass sie sich den anderen gegenüber verschließen. Aber Integration gelingt nur mit Kooperation. Wenn alle Gesellschaftsschichten an einem Strang ziehen und voneinander lernen und miteinander lernen, gelingt Integration. Auch ohne Zwang und Gesetz. Oder wie der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan sagt:

Wenn aufgehört wird über Integration zu reden, kann man von einer gelungenen Integration sprechen.


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