Mailwechsel mit Nichtmuslima übers Handgeben


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Sie reichte mir die Hand, aber ich legte meine Hand in aller Freundlichkeit auf meine Brust. Alle Anwesenden beobachteten die Szene. Ich sagte: „Ich bitte um Entschuldigung, aber als Zeichen der Loyalität und Liebe zu meiner Ehefrau berühre ich keine fremde Frau.“ [1]

Annas Gesicht wurde rot. In ihr kochte es vor Wut, doch sie riss sich wieder zusammen und erwiderte: „Das verstehe ich nicht, ich möchte dich in aller Höflichkeit auf deutsche Art und Weise begrüßen und dir zu deinem Geburtstag gratulieren, und du lässt dir von allen männlichen Kollegen die Hand schütteln, mir aber verweigerst du den Handschlag? So was Diskriminierendes habe ich in meinem Leben noch nie erlebt!“

Es war noch nicht solange her, dass wir einander kennenlernten. Anna ist eine selbstbewusste Frau, Mitte dreißig und hat eine führende Position in der Firma inne, die sie sich hart erkämpft hat in einem Land, in dem die absolute Mehrheit der Managerposten trotz staatlicher Gegenmaßnahmen von Männern besetzt ist.

Ich wollte in dem Moment, als Anna wütend wurde, die Diskussion ungern vor den Augen aller weiterführen, denn wenn Emotionen den Verstand beherrschen, ist ein sachliches Gespräch reine Zeitverschwendung. Deshalb habe ich ihr höflichst geantwortet: „Liebe Kollegin, du kennst mich vielleicht noch nicht ausreichend, also sei bitte nicht voreilig mit deinem Urteil. Meine Geste ist nicht mehr als ein Ausdruck des Respekts, sowohl dir gegenüber als auch allen anderen Frauen. Vielleicht liegt es am unterschiedlichen kulturellen Hintergrund, dass solch ein Missverständnis entstanden ist. Lass uns bitte ein anderes Mal in Ruhe darüber reden, falls deinerseits Interesse besteht.“

Sie bejahte mein Angebot mit einem Zögern. Ihren entsetzten Gesichtsausdruck konnte sie jedoch nicht verstecken. Danach wandte sie sich von mir ab und redete mit einem anderen Kollegen. Wir aßen mit der Gruppe Kuchen und andere Gespräche kamen zustande, die die Stimmung auflockerten und einen angenehmen Abschluss nach dem misslungenen Start ermöglichten. Der Vorfall ließ mir keine Ruhe. Stundenlang dachte ich darüber nach und irgendwie war mir die Sache doch unangenehm. Anna tat mir leid. Ich überlegte, wie ich beim nächsten Mal eine solche Situation besser meistern könnte.

Doch nach kurzer Zeit tauchte ich wieder in meine Arbeitswelt ein. Ich vergaß, was geschehen war, bis ich eines Tages, es waren einige Monate vergangen, eine Mail von Anna erhielt. Es würde wohl etwas Geschäftliches sein, dachte ich. Nach den ersten Zeilen wurde mir klar, dass es um unsere damalige Begegnung ging.

 


Lieber Mohammad,

da du mal sagtest, dass du einen Dialog wünschst, muss ich darauf antworten. Ich kann es nicht einfach akzeptieren, was letztes Mal passiert ist. Noch immer habe ich es vor Augen, wie ich dir bei deinem Geburtstag in deutscher Art, wie alle vor und nach mir, die Hand geben wollte und du sie abgewiesen hast, wenn auch sehr geschickt. Vor den Augen aller, aber vor allem mir gegenüber. Das war sehr verletzend.

Wir leben in Deutschland mit Ritualen und allgemein akzeptierten Bräuchen mit bestimmten Bedeutungen. In anderen Ländern akzeptiere und respektiere ich auch deren Bräuche und Regeln. Du weißt, was hier Handschütteln bedeutet und es sollte hier nicht nach anderen Kulturen und Religionen interpretiert werden. Andere Begrüßungsformen, beispielsweise eine Umarmung, sind möglich, Hand auf die Brust legen, Verneigung, Kniefall ist hier aber nicht üblich.

Du verstößt gegen die Gleichberechtigung, wenn du mir hier nicht die Hand gibst, den Männern aber wohl. Es bedeutet hier Missachtung! Du zeigst mir damit kein Respekt.

Ich finde außerdem, dass du noch mal mit deiner Frau über eure Zeichen der Loyalität reden solltest, denn so mutest du anderen Frauen, die die Hand geben, indirekt Illoyalität gegenüber ihren Ehemännern zu. Ich kann es einfach nicht verstehen, wieso du die Frau auf ihre Sexualität reduzierst und schon in der Berührung ihrer Hände eine Sünde witterst und darin eine Vorstufe zum Geschlechtsakt.

Wie können wir es lösen? Ich bin auch für Kommunikation. Das will ich gerne umgehen, aber wie bei Gruppenveranstaltungen? Soll ich jedes mal, wenn ich einen Sitzungsraum eintrete, in dem viele Männer sich befinden, die ich nicht kenne, ins Stocken geraten? Weil ich jedes mal mutmaßen muss, dass da unter denen Muslime sein könnten, denen ich die Hand nicht geben darf?

Grüße, Anna


 

Ich las ihre Mail voller Spannung, in mir kam gemischte Gefühle auf: Verständnis für ihre Wut, Abneigung gegen ihre dreisten Formulierungen, aber auch Sehnsucht nach Aufklärung. Meine Finger waren kaum aufzuhalten, also ließ ich sie losreiten.

 


Liebe Anna,

ich bin dir dankbar für deine Offenheit. Ich möchte mich nochmal wegen der unangenehmen Situation von vor einigen Monaten entschuldigen. Gott weiß, dass ich nie die geringste Absicht hatte, dich zu verletzen, und dass ich dich sehr achte und respektiere. Gott möge mir vergeben, dass ich es damals versäumt habe, dir im Voraus zu schreiben, um den Zwischenfall zu vermeiden.

>>Wir leben in Deutschland mit Ritualen und allgemein akzeptierten Bräuchen mit bestimmten Bedeutungen. In anderen Ländern akzeptiere und respektiere ich auch deren Bräuche und Regeln. Du weißt, was hier Handschütteln bedeutet und es sollte hier nicht nach anderen Kulturen und Religionen interpretiert werden. Andere Begrüßungsformen, beispielsweise eine Umarmung, sind möglich, Hand auf die Brust legen, Verneigung, Kniefall ist hier aber nicht üblich.<<

Ich respektiere auch die deutschen Bräuche, deswegen muss ich sie aber nicht als gottgegeben betrachten und übernehmen! Oder ist das Handgeben bei Begrüßungen im Grundgesetz verankert?

Bräuche sind nicht statisch, sie entstehen durch dynamische Prozesse, die geschichtlich begründet sind. Es mag sein, dass heute das Handgeben als Ausdruck der Höflichkeit verstanden wird. Doch schon morgen kann das anders sein. Wichtig ist doch, dass wir einander höflich begrüßen. Wie das geschieht, ist zweitrangig. Ich glaube auch nicht, dass du in anderen Ländern alle Traditionen, auch die dir nicht passen, einfach übernehmen würdest. Oder würdest du beispielsweise einen fremden Mann intim küssen, wenn die Tradition des Landes diesen Brauch als Begrüßung oder gar als Zeichen des Respektes und der Gleichberechtigung vorgeben würde?

>>Du verstößt gegen die Gleichberechtigung, wenn du mir hier nicht die Hand gibst, den Männern aber wohl. Es bedeutet hier Missachtung! Du zeigst mir damit kein Respekt.<<

Respekt kann man auf vielerlei Arten zeigen und es beschränkt sich nicht auf das Handgeben. Viele Menschen geben sich die Hände und respektieren einander trotzdem nicht.

Wenn du unter Gleichberechtigung verstehst, dass die Würde des Menschen, gleich ob Mann oder Frau, unantastbar ist und dass beide nicht diskriminiert werden dürfen aufgrund ihrer Beschaffenheit, dann teile ich diese Meinung.

Wenn du aber meinst, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden müssen, dann kann ich diese Meinung nicht teilen und betrachte diese Art der Gleichberechtigung als unfair.

Leider wird die Gleichbehandlung von Mann und Frau seit langer Zeit, heute auch noch, unter dem Banner des Feminismus und der Frauenrechte als befreiend für die Frauen verkauft. Dabei handelt es sich um ein falsches Verständnis, was leicht zum Nachteil der Frauen führen kann.

Gleichheit ist nicht immer gerecht. Würde man eine Frau und einen Mann für einen Umzugsservice einsetzen, bei dem schwere Pakete getragen werden, dann würde man sie gleich behandeln, jedoch nicht gerecht. Der Mann hätte typischerweise einen offensichtlichen Vorteil. Es ist also nicht fair, beide Geschlechter prinzipiell für ein und dieselbe Arbeit zu beauftragen.

Wenn ich mich bemühe, andere Frauen nicht zu berühren, ist es auf keinen Fall als eine Bevorzugung der Männer zu werten, vielmehr ist es den Frauen gegenüber eine Anerkennung ihrer Weiblichkeit und ein Ausdruck meines Respekts Ihnen gegenüber. Aber du kennst mich inzwischen ja persönlich und weißt sicherlich, dass ich Frauen nicht missachte, oder?

Außerdem, angenommen meine Absicht wäre, Frauen zu diskriminieren, ist es dann die Absicht meiner Frau, auch Männer zu diskriminieren und sie zu missachten, wenn sie den Männern mir zu Liebe die Hand verweigert? Die Antwort ist ein klares nein! Warum wir es tun hat andere Gründe, unter anderem deshalb, weil wir die Berührung als ein exklusives Recht des Ehepartners verstehen und das Nichtberühren ein Zeichen der Loyalität und Liebe gegenüber dem Ehepartner ausdrückt. Nun kann jemand dafür oder dagegen sein, aber jemandem deshalb vorzuwerfen, dass er die Frauen diskriminiere, ist schlicht und einfach falsch.

>>Ich finde außerdem, dass du noch mal mit deiner Frau über eure Zeichen der Loyalität reden solltest, denn so mutest du anderen Frauen, die die Hand geben, indirekt Illoyalität gegenüber ihren Ehemännern zu.<<

Danke für deinen gut gemeinten Ratschlag. Wenn ich etwas für richtig halte und durchführe, ist es nicht ratsam, die Handlung sofort als Angriff zu werten. Betrachte das Zeichen der Loyalität wie einen Blumenstrauß, den ich jedes mal meiner Frau schenke, um meine Liebe auszudrücken. Bedeutet es, dass andere, die das nicht tun, keine Liebe für ihre Frauen empfinden? Gewiss nicht.

>>Ich kann es einfach nicht verstehen, wieso du die Frau auf ihre Sexualität reduzierst und schon in der Berührung ihrer Hände eine Sünde witterst und darin eine Vorstufe zum Geschlechtsakt.<<

Ich kann dir versichern, dass alle islamischen Empfehlungen genau das Gegenteil bewirken wollen. Die Frau soll eben nicht auf ihre Sexualität reduziert werden. Das Kopftuch der Frau dient zum Beispiel genau diesem Zweck, die Frau von Konsumgütern (Kosmetik, Kleidungswahn etc.) zu befreien und eine spirituelle Identität nach außen zu schaffen, die nicht auf ihre äußerliche Schönheit oder ihre Sexualität reduziert ist.

Weißt du, Anna, es gibt auch eine andere Weltanschauung als deine oder die der westlichen Welt. Auf eigene Werte zu beharren, ohne andere zu untersuchen, ist ein Zeichen von Arroganz und führt zwangsläufig zu Verdorbenheit. Hier im Westen wird zum Beispiel die Kultur der Nacktheit hochgepriesen und von klein auf anerzogen, ja sogar in den Kindergärten. Promiskuität wird als Privileg angesehen, Frühsexualisierung inklusive unehelicher Beziehungen von Minderjährigen als gute Tugend. Pornographie und die nackte Zurschaustellung in billigen Zeitungen oder in der Öffentlichkeit, um die Männer zu belustigen, ist inzwischen Normalität und gilt schon lange nicht mehr als Missachtung der Weiblichkeit.

Im Islam wird all das als Mittel zur Zerstörung der Familie angesehen und es wird streng empfohlen, jene Schlechtigkeiten zu vermeiden. Deswegen versucht der Muslim alle Tore zu schließen, die dahin führen könnten.

Das umfasst nicht nur die Berührungsgebote, sondern auch das Blickesenken der Männer, um nicht in die Versuchung zu geraten, andere Frauen zu begehren. Auch das Alleinsein mit dem anderen Geschlecht sollte man vermeiden, abgesehen von einigen Ausnahmen. Wohlgemerkt, es geht um eine vorbeugende Maßnahme. Zum Beispiel würde jeder vorbeugend darauf verzichten, jemanden mit einer Erkältung zu berühren oder in seine Nähe zu kommen.

Es ist also eine bewusste Lebenseinstellung, die den Muslim dazu veranlasst, seinen Trieben nicht Freilauf zu gewähren oder deren Sklave zu werden, sondern frei und unabhängig zu bleiben, indem er seine Triebe kontrolliert und sie der Vernunft unterordnet. Dazu gehört, dass er den körperlichen Kontakt mit dem anderen Geschlecht meidet. Auch ist es wichtig, Grenzen zu setzen und die des Partners zu respektieren.

Dabei muss die Handlung nicht zwangsläufig schwerwiegendes Unheil zur Folge haben, damit man sie meidet. Ich gebe dir noch ein Beispiel: Es ist für den Menschen nicht gesund, industriellen Zucker zu sich zu nehmen, ob in Form von Schokolade oder Gummibärchen. Der Körper muss gegen die Giftstoffe ankämpfen und verliert dabei Kraft, die er woanders besser einsetzen könnte. Viele Gesundheitsexperten haben das schon erkannt und halten sich gänzlich vom Zucker fern oder empfehlen, den Zuckerkonsum zu reduzieren. Manch einer von uns würde sagen: Das ist doch übertrieben, auf Schokolade gänzlich zu verzichten. Nein, es ist nicht übertrieben, wenn man sich wirklich gesund ernähren möchte. Jede Kleinigkeit hat einen Einfluss auf den Körper und auf das Immunsystem und gerade, wenn man es übertreibt, können schwere gesundheitliche Probleme die Folge sein. Und das gleiche gilt auch für eine gesunde Seele.

>>Wie können wir es lösen? Ich bin auch für Kommunikation. Das will ich gerne umgehen, aber wie bei Gruppenveranstaltungen? Soll ich jedes mal, wenn ich einen Sitzungsraum eintrete, in dem viele Männer sich befinden, die ich nicht kenne, ins Stocken geraten? Weil ich jedes mal mutmaßen muss, dass da unter denen Muslime sein könnten, denen ich die Hand nicht geben darf?<<

Eine der großartigsten Persönlichkeiten der islamischen Geschichte, Imam Ali (a.), sagte einst: „Die Menschen sind von zweierlei Art, dein Bruder in der Religion oder dein Bruder in der Menschlichkeit.“ [2]

Liebe Anna, ich glaube, wir sollten einander entgegenkommen. Ein Muslim sollte unangenehme Situationen stets vermeiden. Auch wenn wir nicht dieselbe Religion und Einstellung teilen, so sind wir doch Geschwister in der Menschlichkeit. Man könnte, um eine solche Situation beim nächsten Mal zu verhindern, im Voraus eine Mail schreiben und andere vorher in Kenntnis setzen. Auf der anderen Seite sollte die Frau, die solch eine Situation erwartet, Toleranz zeigen und offen bleiben. Den Handschlag zu verweigern kann schließlich ganz unterschiedliche Gründe haben. Die emanzipierte Frau sollte sich dadurch nicht einschüchtern lassen. Vielmehr sollte sie Verständnis zeigen und dem Gegenüber eine Möglichkeit geben, sich zu erklären.

Ich hoffe wir können uns mal etwas Zeit nehmen und darüber offen reden, um voneinander zu lernen und Lösungswege zu finden.

Ich bedanke mich nochmal bei dir. 
Viele Grüße,

Mohammad


 

Ich bin zuversichtlich, dass die Differenzen zwischen Menschen helfen, uns weiterzuentwickeln, und dass die Welt der unterschiedlichen Meinungen einem Garten mit verschiedenen Blumen gleicht: Nur wenn sie verschieden sind, können wir die schönen von den nichtschönen Düften unterscheiden und sie genießen.
 
[1] http://www.eslam.de/begriffe/m/mahram-verwandte.htm
[2] Bihar al-Anwar, Band 74, Seite 241


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