Muharram im Südlibanon: Ein Reisebericht


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Wie erleben Schiiten im Libanon den Monat Muharram? Was erzeugen die täglichen Muharram-Veranstaltungen in den Menschen? Inwiefern lässt sich Imam Chomeinis Aussage zur Islamischen Revolution, „Alles was wir haben, verdanken wir Muharram“, auf den islamischen Widerstand im Libanon übertragen? Ich durfte dieses Jahr Muharram im Libanon erleben.

Ein Muharram-Programm ohne den Bezug zur aktuellen politischen Situation ist bloß eine Wiederholung der Geschichte. Wenn aber nur die Geschichte wiederholt wird, dann wiederholt sich die Geschichte. Auch im Südlibanon wimmelt es nur so von traditionellen Lesarten der islamischen Geschichte. Zu groß ist die Anzahl der realitätsfernen Muharram-Programme. Viele meiner Bekannten kamen meistens enttäuscht aus einem Libanon-Urlaub im Muharram zurück. Sie beklagten, dass die Muharram-Programme nichts weiter seien als ein Wettbewerb unter den Klagesängern um die schönste Stimme und um übertriebene Geschichten von Karbala. Mit Vorurteilen im Gepäck ging ich auf meine Muharram-Entdeckungsreise.

Meine Vorurteile wurden nur bedingt bestätigt. Es kommt darauf an, welche Muharram-Veranstaltungen man besucht. Glücklicherweise habe ich bereits im Vorfeld einige Kontakte zu revolutionären Muslimen geknüpft. Sie nahmen mich zu Muharram-Veranstaltungen mit, die zwar nicht mit hohen Besucherzahlen trumpften, aber mit hoher revolutionärer Qualität. Mein Maßstab war: Ich möchte aus einem Muharram-Programm mit mehr Motivation herauskommen, als ich hineingegangen bin.

Links der Autor, rechts Ali Noureddine (Al-Manar)
Links der Autor, rechts Ali Noureddine (Al-Manar)

Das haben nur Muharram-Programme der Hisbullah bei mir bewirken können. Meinen ersten revolutionären Muharram-Vortrag habe ich in einem kleinen Garten einer Märtyrer-Familie gehört. Als Redner war der bekannte Theologiestudent und Fernsehmoderator beim TV-Sender Al-Manar Ali Noureddine eingeladen. Noureddine, der in einer Fernsehserie die Rolle eines Widerstandskämpfers gespielt hat, trägt grundsätzlich nur vor, wenn ihn Märtyrer-Familien dazu einladen. Seine Reden über die Ereignisse in Karbala im Jahre 680 n. Chr. verbindet er immer wieder mit den aktuellen politischen Ereignissen. Den Schmerz einer trauernden Mutter über den Verlust ihres von den Feinden in Karbala getöteten Sohnes setzt er mit der Geduld einer Mutter eines im Widerstand gefallenen Märtyrers in Zusammenhang. Märtyrer-Familien schöpfen enorm viel Kraft, wenn solch ein Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Karbala und ihrer Situation hergestellt wird.

Die Stadt Qana lag fast zwanzig Jahre an der Grenze zum israelischen Besatzungsgebiet, zuletzt bis zur Befreiung Südlibanons im Jahre 2000. Am 18. April 1996 verübte das israelische Militär im Rahmen der Operation „Früchte des Zorns“ einen schweren Artillerieangriff.

1996 wurden in diesem Zelt 100 Zivilisten durch Bomben der israelischen Luftwaffe ermordet

Dabei griffen sie ein Zelt der Blauhelmsoldaten im Libanon (UNIFIL) an und töteten über hundert unschuldige und unbewaffnete Flüchtlinge, die unter dem Schutz der UN standen. Weitere dreihundert wurden verletzt. Zehn Jahre später, am 30. Juli 2006, war Qana während des Libanonkriegs erneut Ziel eines israelischen Angriffs, diesmal aus der Luft. Dabei starben wieder mindestens 28 Kinder.

Grabsteine der ermordeten Kinder zu Qana

Ein Museum erinnert heute an die schweren Menschenrechtsverletzungen der Zionisten. Darin befinden sich auch die Grabsteine der getöteten Kinder. Mittendrin wird im Monat Muharram eine Kanzel aufgestellt und jeden Abend ein Programm durchgeführt. Das Programm an diesen Ort in Qana hat eine große Symbolkraft. All die kleinen Kinder, die Israel ermordete hat, stehen stellvertretend für die kleinen Sukaynas und Ruqayyas (Töchter Imam Hussains), deren Zelte ebenso in Brand gesteckt wurden. Ein Muharram-Programm in Qana weckt viele Assoziationen zur damaligen Zeit und motiviert die Zuhörer, Lehren aus der Geschichte zu ziehen.

Am Stadteingang von Dschibschit

Welche Kräfte in einer Gesellschaft wachgerüttelt werden können, wenn nicht nur die islamische Geschichte gelehrt, sondern aus der islamischen Geschichte gelernt wird, zeigte die Stadt Dschibschit. Dschibschit war die Heimatstadt von Scheich Raghib Harb (1952-1984). Ein Mann, der seinen Standpunkt als Waffe verstand. Scheich Raghib Harb erlebte die zionistische Besatzung des Libanons und kämpfte gegen sie an.

Er überließ den Widerstand nicht nur den Widerstandskämpfern, sondern bezog jeden in den Widerstand mit ein. Ob alt oder jung; jeder war wichtig für den Widerstand. Als Gelehrter bildete er die Bevölkerung und lehrte sie, die zionistischen Besatzer als die Armee von Yazid zu betrachten. So stellte er eine Verbindung zwischen der islamischen Geschichte und der politischen Situationen vor Ort her. Dadurch, dass die Menschen sich Karbala vorstellen konnten und selbst unter Tyrannen litten, konnten sie sich in die Lage von Imam Hussein (a.) und von seinen Anhängern versetzen.

Der Autor am Grab von Scheich Raghib Harb in Dschibschit

Am 10. Muharram 1983 fand eine Aschura-Theatervorstellung in Dschibschit statt. Die Zionisten planten zeitgleich eine Invasion der Stadt. Die Zuschauer waren vertieft in die Ereignisse zu Aschura und fieberten und trauerten mit Imam Hussein (a.), als die Zionisten plötzlich die Vorstellung stürmten. Die Bürger von Dschibschit waren allerdings so aufgeladen, dass sie in den Zionisten die Armee Yazids sahen und sie mit Steinen bewarfen und mit Stöcken schlugen. Die Zionisten waren so überrascht über ihre Kampfbereitschaft, dass sie ihre Invasion zügig abbrachen und verstört abzogen. Diese Widerstandsbereitschaft einer gesamten Gesellschaft lehrte Scheich Raghib Harb in seinen Muharram-Vorträgen.

Zelt für Aschura-Theater

Scheich Naim Qassim (Stellvertretender Generalsekretär der Hisbullah) beschreibt in seinem Buch Gesellschaft des Widerstandes [مجتمع المقاومة], wie sich eine Gesellschaft wandeln müsse, um jegliche Hoffnung der Feinde auf Erfolge im Keim zu ersticken. Außerdem reiche eine widerstandsfähige Elite allein nicht aus, um langfristig gegen die Feinde zu bestehen. Scheich Qassim schreibt:

Der Widerstand muss zu einer Vision der ganzen Gesellschaft werden, in all ihren Dimensionen. Widerstand ist eine militärische, kulturelle, politische, mediale und individuelle Aufgabe.

Umm Ali beim Qur’anlesen

Auch nach Gesprächen mit meiner Gastgeberin Umm Ali, 77 Jahre, wurde mir klar, dass Scheich Qassim genau weiß, wovon er schreibt. Umm Ali ist eine einfache Witwe, die im Dorf Almansouri (bei Tyros) lebt. Täglich liest die halbblinde Frau zwei bis drei Teile [dschuz] des Heiligen Qur’ans und schenkt den Lohn der Lesung gefallenen Märtyrern. Auf Nachfrage, warum sie den Lohn der Lesung an Märtyrer schenke, erwiderte Umm Ali:

Es sind die Märtyrer, die unser Land von der zionistischen Besatzung befreit haben. Diese Menschen gaben sich hin, damit eine alte Frau wie ich hier ihren Lebensabend verbringen kann, in meiner gewohnten Umgebung. Als halbblinde und gebrechliche Frau kann ich leider nicht mehr tun, als ein paar Seiten Qur’an zu lesen, um den Märtyrern zu danken.

Wahrlich, eine Gesellschaft, die den Widerstand gegen die inneren und äußeren Feinde von Muharram lernt, wird von keiner Weltmacht in die Knie gezwungen. Für mich nehme ich mit, dass wir in Deutschland einen Muharram etablieren sollten, welcher sich mit unserer Lebenswirklichkeit deckt. Die Geschichte von Muharram muss so vorgetragen werden, dass die Zuhörer motiviert sind, Widerstand zu leisten, und motiviert werden, für höhere Werte und Ideale zu kämpfen. Erst wenn Muharram eine innere und äußere Revolution auslöst, können wir sagen: „Alles was wir haben, verdanken wir Muharram!“

Muharram in Almansouri, Libanon
Latmiyya vor der Husseiniyya in Almansouri

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