Netanyahu ist der „richtige Mann“, um vor dem US-Kongress über den Iran zu sprechen


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Der israelische Ministerpräsident verfügt über die besten Voraussetzungen, um vor dem US-Kongress die sogenannte Gefahr eines atomaren Iran zu erläutern. Schlussendlich waren es ja Israel und seine Verbündeten in Washington, welche die Angelegenheit von Anfang an fabriziert hatten. Der Versuch einer glaubwürdigen Erklärung dieser Behauptung obliegt somit Herrn Netanyahu, obwohl sogar die US-, europäischen und israelischen Geheimdienste die gemeinsame Ansicht vertreten, wonach der Iran gar nicht versucht, Atomwaffen herzustellen. So mancher erinnert sich vielleicht daran, dass die Behauptungen, Irak hätte Massenvernichtungswaffen, hauptsächlich aus denselben Reihen stammten, die der rechten israelischen Likud-Partei nahestehen.

Die Rolle dieser Likud-Lobby war zukunftsweisend in der Anfachung der Hetzkampagne gegen den Iran. Während eines AIPAC-Treffens im Frühjahr 2006 wurde Iran zu einem Sonderziel gemacht, und zwar mit riesigen abwechselnden Clips von Adolf Hitler und seiner Anklagen gegen die Juden und dann des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad mit seiner Drohung „Israel von der Landkarte tilgen“ zu wollen. Die Show endete mit einem verblassten Post-Holocaust-Gelöbnis „Nie wieder“. Über Monate verteilte die Lobby anti-iranische Pressekits an 13.000 Journalisten in den Staaten und bettete diese emotional geladenen Bilder dauerhaft in die Mainstreammedien ein.

Die iranischen Führer wurden regelmäßig als Holocaustverleugner dargestellt, die drohten, Israel aus der Landkarte zu tilgen. Diese beiden Behauptungen wurden in Tausenden von Tageszeitungen verbreitet, in denen der Iran als ein roter Staat und eine Gefahr für den Weltfrieden dargestellt wurde. Sie wurden auch genutzt, um dem Iran westliche Sanktionen aufzuerlegen, weil der Iran angeblich versuchen würde, Atomwaffen herzustellen. Millionen Iraner leiden unter diesen Sanktionen, und viele mehr könnten unter einer militärischen Intervention leiden, die in Tel Aviv und Washington noch auf dem Tisch bleibt. Deshalb müssen die Behauptungen, die iranischen Entscheidungsträger seien irrationale Judenhasser, näher untersucht werden.

Die Angelegenheit des iranischen Atomprogramms erfordert eine kühle Analyse. Denn die Zusammenführung von Israel und Zionismus mit den Juden und dem Judentum hat schon lange die rationale Auseinandersetzung zum Thema des Nahen Osten erstickt. So werden Israelkritiker, unabhängig davon, ob sie Juden sind oder nicht, dauernd des Antisemitismus beschuldigt. Diese Anschuldigungen haben die internationalen Beziehungen in größerem Umfang beeinflusst. Die „iranische Atombombe“ ist nur ein Beispiel. Netanyahu kommt nach Washington und gibt vor, im Namen des Weltjudentums zu sprechen, obwohl er nichts als ein gewählter Vertreter des israelischen Staatsbürgertums ist, von dem mindestens ein Drittel keine Juden sind.

Holocaustverleugner

Zu den Teilnehmern der internationalen Holocaust-Konferenz, die der ehemalige iranische Präsident vor ungefähr einem Jahrzehnt einberufen hatte, zählten einige bekannte Holocaustverleugner sowie schwarz gekleidete orthodoxe Juden, die über das Massaker ihrer Verwandten durch die Nazis sprachen. Es ist von geringem Interesse, darüber zu diskutieren, ob Ahmadinejad die Wahrheit des Holocaust leugnet oder nicht, da er nicht mehr an der Macht ist. Es stellt sich jedoch die Frage, warum wir dazu neigen, die Verleugnung des Holocausts so schwerwiegend zu erachten. In der Tat würde einem Verleugner des Massakers von Hunderttausenden von Juden in der Ukraine im 17. Jahrhundert oder der Vertreibung der Juden aus Spanien im 15. Jahrhundert nicht mehr Bedeutung geschenkt als einem, für den die Welt eine Scheibe ist. Es sind nicht nur die Unmittelbarkeit und Größenordnung des Holocaust, sondern die Verwendungen seines Gedächtnisses durch die Zionisten, die den Holocaust einzigartig gestalten.

Die iranischen Führer waren nicht die Ersten, die den Preis für die Errichtung des israelischen Staates für die Palästinenser (Muslime, Christen und auch Juden), die für das Verbrechen in Europa durch die europäischen Nazis gegen die europäischen Juden bezahlen mussten, verurteilten. Unabhängig vom Wert dieses Einwandes: Es handelt sich nicht um die Verleugnung des Holocausts, aber eher um einen Einwand gegen die Nutzung dieser Tragödie als Werkzeug zwecks Legitimierung des Zionismus und der dauernden Enteignung der Palästinenser vonseiten Israels.

Moshe Zimmermann, Professor für deutsche Geschichte und bekannter israelischer Intellektueller, meint hierzu: „Die Schoah [der Holocaust] wird oft instrumentalisiert. Um es zynisch zu formulieren, kann man sagen, dass die Schoah zu den wertvollsten Objekten gehört, um die Öffentlichkeit und vor allem das jüdische Volk innerhalb und außerhalb Israels zu manipulieren. In der israelischen Politik dient die Schoah dem Beweis, dass ein unbewaffneter Jude einem toten Juden entspricht.“

Die politischen Nutzungen des Nazi-Völkermordes sind üblich. Der ehemalige israelische Erziehungsminister behauptete, „der Holocaust wäre kein nationalistischer Wahnsinn, der einmal geschah und vorbeiging, sondern eine Ideologie, die es in der Welt immer noch gibt und heute die Welt dazu führen könnte, Verbrechen gegen uns zu dulden“. Der Holocaust hat nicht nur Israel eine äußerst überzeugende Existenzberechtigung geliefert, sondern hat auch bewiesen, ein leistungsstarkes Mittel der Unterstützung zu sein. Ein israelischer Parlamentarier hat dies ganz offen gesagt:

„Sogar die besten Freunde des jüdischen Volkes unterließen es, wesentliche rettende Hilfe jeglicher Art für das europäische Judentum bereitzustellen und kehrten den Schornsteinen der Todeslager den Rücken … daher ist die gesamte freie Welt, vor allem in diesen Tagen, dazu aufgerufen, Reue zu zeigen … indem sie Israel diplomatische, defensive und wirtschaftliche Hilfe anbietet.“

Die Holocaustindustrie von Norman Finkelstein dokumentiert ergiebig, wie das Gedächtnis des Nazi-Völkermordes zu politischen Zwecken wirksam genutzt werden kann. Über Jahrzehnte diente der Holocaust als Überzeugungsmittel in den Händen der israelischen Außenpolitik, um jegliche Kritik im Keim zu ersticken und Empathie für einen Staat zu erwecken, der sich als kollektiver Held von sechs Millionen Opfern versteht. Netanyahu nimmt in seinem Irandiskurs regelmäßig Bezug auf den Holocaust. Er behauptet, dass die hypothetische iranische Atombombe eine „Existenzbedrohung“ darstellt. In einem seltsamen Gedankensprung nennt er Israel sogar „den einzigen sicheren Ort für die Juden“. Infolge der jüngsten Anschläge gegen Juden in Paris und Kopenhagen rief Netanyahu erneut die europäischen Juden auf, ihre Länder zu verlassen und nach Israel zu kommen, das er als ihre „wahre Heimat“ bezeichnete. Seine Aufrufe bezüglich eines „atomaren Holocaust“ durch den Iran schmeicheln zwar sehr seine Wählerschaft, gelten aber außenpolitisch nicht als rationales Argument.

Israel von der Landkarte tilgen

Viel wurde bereits über eine andere Behauptung geschrieben, wonach der Iran beabsichtigte, „Israel von der Landkarte zu tilgen“. Juan Cole und andere haben bereits aufgezeigt, dass es sich um einen Übersetzungsfehler handelt und das Wort „Landkarte“ im Original gar nicht vorkommt. In der Tat handelte es sich dabei um ein Zitat aus den alten antizionistischen Schmähreden von Ayatollah Chomeini: „Esrâ’il bâyad az sahneyeh roozégâr mahv shavad“, was bedeutet: „Israel soll aus der Seite der Zeit verschwinden“. Nachdem das falsche Gerücht „Israel von der Landkarte tilgen“ um die Welt reiste und sich fest in der öffentlichen Wahrnehmung einnistete, nutzten es die zionistischen Hetzer der Kampagne gegen den Iran einfach auch noch für andere Zwecke. Ein vor Kurzem seitens des Zentrums für öffentliche Angelegenheiten in Jerusalem (einer zionistischen Denkfabrik, die besonders aktiv ist, die Kampagne gegen den Iran aufzuwirbeln) veröffentlichter Iranbericht, übersetzt Chomeinis Zitat korrekt, aber besteht immer noch darauf, es weise auf „Völkermord“ hin. Dieser letztere Begriff gehört zu den beliebtesten in den neusten zionistischen Publikationen: Derselbe Bericht spricht von einem „misslungenen Völkermord verschiedener arabischer Staaten und der Palästinenser gegen Israel“.

Die iranischen Führer haben in der Tat mehrmals dazu aufgefordert, die Probleme der Welt, inklusive der Palästinenserfrage, durch Dialog zu lösen. Sie schlagen unter anderem ein „freies Referendum vor, um eine Regierung auf dem Willen der palästinensischen Nation aufzubauen, in der Palästinenser, inklusive Juden, Christen und Muslime, das Wahlrecht erlangen“. Nichts von alldem kann als militärische Intervention oder als „Existenzbedrohung“ ausgelegt werden. Dies erklärt vielleicht, weshalb es in den Mainstreammedien keine Beachtung findet: denn moderate Behauptungen aus Teheran gelten nicht als „druckreif“.

Den iranischen Führern zufolge würde „das zionistische Regime genauso wie die Sowjetunion sehr bald abgebaut und die Menschheit frei sein“. Genau wie die Sowjetunion friedlich zerlegt wurde, wird auch Israel aufgrund seiner internen Widersprüche friedlich verschwinden. Genauso wie die Sowjetunion nicht von Atombomben zerstört wurde, so schlägt auch der Iran keine Gewalt für den Niedergang Israels vor. Denn diese Lösung wäre auch sehr unwahrscheinlich, da Israel als einzige Atommacht der Region eine überwältigende militärische Überlegenheit gegenüber seinen Nachbarn aufweist.

Die Aufforderung der Beendigung des Zionismus bedeutet nicht die Zerstörung Israels und seiner Bevölkerung. Nach Jonathan Steel von „The Guardian“ handelt es sich hier lediglich um einen „vagen Zukunftswunsch“. Dieser Wunsch bedeutet nicht mehr als ein Gebet „für den friedlichen Abbau des zionistischen Staates“, den die Mitglieder der jüdischen antizionistischen Gruppe von Neturei Karta regelmäßig aussprechen. Denn die jüdische Liturgie strotzt von ziemlich aggressiven Haltungen gegen diejenigen, die Gott nicht anerkennen und Böses tun. Wir Juden rezitieren z.B. in den festlichen Gottesdiensten den folgenden Satz: „U’malkhut ha’rishaa kula ke’ashan tikhleh“ („Und das Königreich des Bösen wird wie Rauch schwinden“). Wortwörtlich meint dies wirklich die Annihilierung und Zerstörung eines ganzen Landes, d.h. die Tilgung des „Königreiches des Bösen“ und jeglicher böser Handlungen, die an jeglichem Ort verübt werden. Es geht hier nicht um einen Menschen im Besonderen, sondern um tausende Unschuldiger.

Obwohl Millionen Juden jährlich diesen Satz rezitieren, bedeutet dies nicht Atomkrieg. Wenn wir aber die Juden dämonisieren wollen, könnten wir diese Behauptung verwenden und in eine grundlose Anklage verwandeln, nach der die Juden ganze Länder in Luft auflösen möchten. Einige säkulare Israelis haben dieses traditionelle Gebet als einen Aufruf zur Zerstörung der säkularen Mehrheit der israelisch-jüdischen Gesellschaft ausgelegt. Deshalb vermeidet die jüdische Tradition die wortwörtlichen Interpretationen der religiösen Texte und stützt sich auf die Auslegungen der Rabbiner, auch wenn sie manchmal weit hergeholt erscheinen. So legen die Rabbiner zum Beispiel den biblischen Grundsatz „Auge um Auge“ als eine Verpflichtung aus, eine finanzielle Gegenleistung zu erbringen, um dem Schuldigen das Auge zu verschonen. Der oben angeführte liturgische Text ist das Beispiel einer religiösen Rhetorik, die auf aussagekräftigen Metaphern basiert, während sie den Wunsch zur Sprache bringt, die Welt ohne das Böse zu sehen.

Um zum Punkt zu kommen: Der letzte iranische Angriff gegen ein anderes Land ereignete sich ungefähr vor drei Jahrhunderten. Und dies trifft nicht gerade auf Israel und die USA zu. Den Iran als schuldiger anzusehen als Israel, wobei von Israel bewiesen ist, dass es Atomwaffen besitzt, ist ein unvereinbares Überbleibsel der kolonialistischen Mentalität.

Übrigens bekämpft Iran aktiv den IS („Islamischen Staat“), der seine Brutalität durch wortwörtliche Auslegungen des Korans rechtfertigt. Die Juden im Iran praktizieren weiterhin das Judentum mit wenig Einmischung vonseiten der iranischen Behörden und verpflichten sich weiterhin, im Lande zu bleiben, in dem sie seit Jahrtausenden leben. Und dies erfolgte, während antizionistische iranische Führer betonten, sie wären nicht antijüdisch. Währen die iranischen Behörden anti-jüdisch, hätten sie wohl eher die Juden vor Ort belästigt, als die Atommacht Israel zu provozieren.

Die Behauptung Netanyahus, er würde „im Namen der Juden“ sprechen, schadet den Juden und vor allem den iranischen Juden. Denn einige Zionisten bleiben unnachgiebig und gehen so weit, dass sie den iranischen Juden vorwerfen, dass sie schon seit langer Zeit nicht nach Israel ausgewandert wären. Diese Haltung stellt die größte und wahrscheinlich auch älteste jüdische Gemeinde der islamischen Welt bloß, denn die Existenzberechtigung Israels ist natürlich oft wichtiger als das Wohlergehen und das wahre Überleben der jüdischen Gemeinden. Die Zionisten beziehen sich auf die Juden außerhalb Israels als potenzielle Einwanderer oder temporäre Vermögenswerte, um die Interessen Israels zu vertreten.

Jüdische Unstimmigkeit
Der Auftritt Netanyahus vor dem US-Kongress und seine aktuelle Kampagne gegen den Iran führten zu einer tiefen Spaltung zwischen den Juden, die Israel bedingungslos unterstützen und den Juden, die dem Zionismus und den Handlungen des Staates Israel widersprechen oder diesen bzw. diese infrage stellen. Die öffentliche Debatte über den Stellenwert Israels in der jüdischen Kontinuität ist innerhalb und außerhalb Israels offen und aufrichtig geworden. Viele sehen die Zukunft des Staates Israels als die eines Staates seiner Bürger, Juden, Muslime, Christen und Atheisten, mehr als die eines Staates, der für das Weltjudentum aufgebaut und geführt wird.

Während es ziemlich wenige Juden gibt, die öffentlich infrage stellen, ob das chronisch unsichere Israel wirklich „gut für die Juden ist“, bedauern viele, dass der militante Zionismus die ethischen Werte des Judentums zerstört und die Juden innerhalb und außerhalb Israels gefährdet. Der Film „Munich“ von Steven Spielberg fokussiert z.B. auf den moralischen Preis des chronischen Vertrauens Israels auf die Machtausübung. In einer Szene, in der ein Mitglied der israelischen Eingreifgruppe die palästinensischen Diaspora-Aktivisten jagt, wird ihm das Ganze zuwider. Und er spricht: „Wir sind Juden. Juden tun nichts Böses, nur weil unsere Feinde Böses tun … wir gelten als rechtschaffen. Das ist etwas Schönes. Das ist jüdisch …“ Während „Schindler’s List“ die physische Bedrohung der Juden aufgreift, zeigt „Munich“ die Bedrohung ihres geistigen Überlebens. Kein Wunder, dass die Likud-Wählerschaft in Amerika den jüdischen Regisseur und seinen Film besudelte, bevor er überhaupt an die Öffentlichkeit gelangte. Sie geißelte auch verschiedene vor kurzem veröffentlichte Bücher („Prophets Outcast“, „Wrestling with Zion“, „Myths of Zionism“, „The Question of Zion“) dafür, dass sie sich mit demselben wesentlichen Konflikt zwischen dem Zionismus und den traditionellen jüdischen Werten befasst. Netanyahus Rede vor dem US-Kongress verschärfte diesen internen jüdischen Konflikt noch mehr.

Die Likud-Lobby behauptet regelmäßig, dass die Juden, die es wagen, Israel zu kritisieren, Israels „Existenzrecht“ bedrohen und daher Antisemitismus schüren. Dies führte dazu, dass eine Anzahl berühmter Juden in Großbritannien, Kanada und den USA ihre Meinung äußerten, die zu einer offenherzigen Debatte über Israel in den Mainstreammedien und sogar in den konservativen Publikationen führte. Die mit Sicherheit israelfreundliche Zeitschrift „Economist“ hat eine Studie über den „Staat der Juden“ und ein Editorial veröffentlicht, in dem sie die breite Masse der Diaspora-Juden auffordert, von der von vielen jüdischen Organisationen vertretenen Haltung Abstand zu nehmen, nach der „mein Land immer Recht hat, ob es nun Recht oder Unrecht hat“. Dies schwächt sicherlich das Bild der Juden als einer vereinten Gruppe um die israelische Flagge.

Die Bemühung um die jüdische Befreiung vom Staat Israel und seiner Politik hat alte Spaltungen überbrückt und so auch neue verursacht. So lobte ein ultra-orthodoxer Israelkritiker, der sich normalerweise dem Reformjudentum widersetzt, einen Reformrabbiner, der Folgendes meinte: „Wenn sich die jüdischen Unterstützer Israels im Ausland nicht gegen die katastrophale Politik wehren, dann kann weder die Sicherheit der Bürger gewährleistet noch die richtige Umgebung geschaffen werden, um einen gerechten Frieden mit den Palästinensern anzustreben und zu erreichen … denn dann verraten sie die jüdischen Werte von Jahrtausenden und handeln gegen die eigenen langfristigen Interessen Israels“.

Viele Juden und Israelis glauben, dass die Likud-Lobby, eine gemeinsame Bemühung rechter Christen, Juden, Muslime und Atheisten, eine wesentliche Bedrohung für die langfristige Sicherheit Israels darstellt, da sie die aggressiven israelischen Politiker ausnahmslos unterstützt und jene Israelis untergräbt, die sich für die Versöhnung in der Region einsetzen. Die Lobby ist auch eine mächtige Quelle des Antisemitismus, da sie oft als „jüdisch“ angesehen wird, was den falschen Eindruck erweckt, dass die Juden die amerikanische Außenpolitik diktieren, indem sie diese nach rechts verschieben. In der Tat hat die große Mehrheit der amerikanischen Juden Barak Obama gewählt. Während die derzeitigen israelischen Führer und deren amerikanische Verbündete weiterhin die Welt gegen den Iran aufhetzen, haben verschiedene Friedensorganisationen in Israel und in verschiedenen jüdischen Diasporagemeinden Erklärungen veröffentlicht, in denen sie die antiiranische Kampagne und das Verhalten Netanyahus verurteilen.

Wo nun kein arabischer Staat Israel militärisch bedroht, werden viele Israelis im Glauben gelassen, Iran würde eine Bedrohung für sie darstellen. Gleich neben dem Iran, der mehrmals jegliches Interesse zurückgewiesen hat, Atomwaffen zu erwerben, liegt Pakistan, ein unstabiles Regime mit einer starken islamistischen Bewegung, inklusive Gruppierungen von Al-Qaeda und einem echten und nicht imaginären Atomwaffenarsenal. Während Pakistan Israel nicht bedroht hat, wird aber die „Existenzbedrohung“ kein Ende haben, wenn der zionistische Staat so weitermacht und sich weiterhin über die Menschen in der gesamten Region hinwegsetzt, indem er den Palästinensern die Gerechtigkeit verwehrt.

Um genau zu sein …

Die beiden emotional geladenen Behauptungen, die laut gegen den Iran erhoben wurden, haben die westlichen Medien beherrscht. Eine andere Aussage, wonach der Iran ein Gesetz erlassen hätte, nach dem alle Juden gelbe Symbole tragen sollten, wie „Toronto National Post“ vor einigen Jahren berichtete, verstärkte noch mehr das Bild eines Nazi-Deutschland-ähnlichen Irans. Obwohl der Bericht am nächsten Tag widerrufen wurde, erinnern sich mehr Menschen an die verurteilenden Nachrichten als an den darauffolgenden Widerruf seitens der Tageszeitung, deren Besitzer in der kanadischen Likud-Wählerschaft tätig sind.

Diese Fehlinformation unterstützt ohne Zweifel die öffentliche Meinungsbildung hin zu einer militärischen Intervention durch die USA oder Israel gegen den erdölreichen Iran. Es handelt sich hierbei um ein besorgniserregendes Remake der Furcht vor den illusorischen irakischen Massenvernichtungswaffen, die einen massiven militärischen Angriff gegen jenes unglückliche Land auslöste, dessen Bevölkerung über Jahrzehnte unter den westlichen Sanktionen litt. Saddam Hussein wurde gebührend als eine weitere Verkörperung Hitlers dargestellt, und erneut wurde der Geist des atomaren Holocausts beschworen.

Israel besitzt hunderte erwiesener Atomwaffen und weigert sich, im Unterschied zum Iran, die Atomwaffensperrverträge zu unterzeichnen. Der Iran hatte nie die Absicht erklärt, Atomwaffen herzustellen. Vertrauenswürdigen israelischen Experten zufolge kann der Iran keine militärische Atomkraft über 5-10 Jahre erwerben, und falls und wenn er sie erwirbt, so tut er es, um sich gegen die externen Angriffe Israels zu wehren und sicher nicht, um Israel anzugreifen.

Die iranischen Führer werden falsch dargestellt, als irrsinnige Extremisten, die über unbegrenzte Macht verfügen und auch irrational handeln könnten. Daraus folgt, dass sie um jeden Preis gestoppt werden müssen. Dies ist zu einem Mantra geworden, nicht nur für die israelischen rechten Politiker, wie den Rhetoriker Netanyahu, der zum Trotz der UN-Charta offenkundig droht, den Iran anzugreifen, sondern auch für einige amerikanische Politiker, die ihn bewundern. Während das Weiße Haus und die Experten der Außenpolitik und der Geheimdienste wissen, dass weder Israel noch die USA in Gefahr vor einem iranischen Angriff sind, erscheinen ihre rationalen Argumente weniger überzeugend als die pathetische Rhetorik. Die USA haben bekanntlich geopolitische Interessen im Persischen Golf, aber die Anklagen gegen den Iran, die auf der vorsätzlichen Zusammenführung zwischen Israel und den Juden basieren, könnte die Art und Weise Washingtons, die Außenpolitik zu gestalten, verhängnisvoll verdrehen.

Intellektuelle lieben Genauigkeit, und Politiker brauchen sie noch vielmehr, weil man von ihnen erwartet, dass sie vorsichtig und vernünftig handeln. Der Eingriff Netanyahus in die Gestaltung der amerikanischen Außenpolitik ist Teil eines langfristigen Versuches, die einsamen Interessen der Großmacht mit denen des zionistischen Staates anzugleichen. Daher müssen seine Argumente aufmerksam und ohne unangemessenes Pathos, da dieses sehr oft die Angelegenheiten hinsichtlich Israels und seiner Nachbarn vernebelt, abgewogen werden. Über Jahre haben sich westliche Staatskanzleien darum bemüht, Israel von der militärischen Intervention gegen den Iran abzuhalten. Dafür wurde aber Israel freie Hand gelassen, um mit den Palästinensern straffrei umzugehen. Die neue „Existenzbedrohung“ durch die hypothetischen iranischen Massenvernichtungswaffen hat Israels Zweck als „Waffenvernichtungswaffe“ schon gedient.

Das mächtige Wachstum des IS zeigt bildlich, was die Demodernisierung und die nachfolgende Verzweiflung in jenem Teil der Welt anrichten können. Wir brauchen nur auf Irak, Libyen und Syrien zu sehen, die alle drei von einer externen militärischen Intervention betroffen sind, und die darauffolgende Herausbildung des IS zu betrachten, um zu verstehen, dass die Destabilisierung eines Landes oder einer Region weitreichende düstere Auswirkungen hat. Der israelische Ministerpräsident beruft sich auf die mutmaßliche iranische Bedrohung, um die iranische Modernisierungspolitik zu verlangsamen oder rückwärtszufahren. Die Zwangsdemodernisierung Iraks, Syriens und Libyens, der säkularsten und am meisten gebildeten Länder der arabischen Welt, ist mit Sicherheit der strategischen Position Israels in der Region zugutegekommen. Netanyahu muss nun erklären, wie genau die Demodernisierung Irans den USA zugutekommen wird.

Artikel von Prof. Yakov Rabkin | Global Research, 3. März 2015 | Deutsche Übersetzung von Dr. phil. Milena Rampoldi von ProMosaik e.V.

Yakov Rabkin ist Professor für Geschichte an der Universität Montreal. ProMosaik e.V. hat bereits mit Prof. Rabkin zusammengearbeitet.
Weitere Beiträge unter:
http://www.promosaik.com/promosaik-e-v-interviewt-prof-rabkin-deutsche-version/
http://www.promosaik.com/deutsche-rezension-prof-rabkin-was-ist-israel/
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