Monat Ramadan: Monat der Souveränität


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Das Fasten hat wie jede andere Verpflichtung, die Allah den Muslimen auferlegt hat, eine tiefgreifende Bedeutung und einen Nutzen für das Dies- und Jenseits. Welcher Sinn verbirgt sich dahinter? Welchen Nutzen findet der Mensch im zeitlich begrenzten Verzicht der Nahrungsmittel? Welche Philosophie und Lehre verbirgt sich hinter dem Geheimnis dieses Rituals?

Der menschliche Körper benötigt, wie jedes andere Lebewesen auf dieser Erde auch, Energie und Nährstoffe, um funktionieren zu können. Mit der Nahrung erhält der Körper die einzelnen Nährstoffe, die er braucht. Bleibt dies aus, können Fehlbildungen wie Konzentrationsstörungen und Krankheiten durch Vitamin- und Mineralmangel entstehen.

Kurz gesagt: Die Tatsache, dass der Mensch auf Nahrungsmittel angewiesen ist, macht ihn zu einem schwachen und abhängigen Geschöpf und wohl eines der deutlichsten Beweise für die Unabhängigkeit Allahs ist die Tatsache, dass Er keine Nahrung bedarf. Im Heiligen Qur´an wird ein Beweis geliefert, weshalb der Prophet Issa und seine Mutter Mariam keine Gottheiten sein können, dort heißt es:

Nicht ist Messias, Sohn der Maria, außer Gesandter; gewiss, die Gesandten sind vor ihm dahingegangen. Und seine Mutter ist Wahrhaft; beide pflegten Speise zu essen“ (Heilier Qur´an 5: 175).

Nur wer nicht auf Speise und Nahrung angewiesen ist, kann Unabhängig sein. Und nur wer Unabhängig ist, kann Gott sein. In einem Bittgebet zum Monat Ramadan heißt es:

„Oh Unabhängiger, der nicht auf Nahrung angewiesen ist.“

Allah wird in diesem Bittgebet als Unabhängiger gerufen. Ein Mensch kann ohne Freiheit leben oder überleben. Das belegen Langzeithäftlinge, die trotz der eingeschränkten Freiheiten am Leben bleiben. Ein Mensch kann auch ohne Kleidung – bei gesunden Wetterbedingungen – überstehen, wie es einige Naturvölker belegen. Aber ohne Essen und Trinken könnte kein Mensch länger als einen Monat leben oder überleben. Gleichwohl, wie stark und Unabhängig sich ein Geschöpf wähnt, die Notwendigkeit von Nahrung macht es schwach und abhängig. Das Fasten soll den Menschen diesen Umstand klar machen.

Diese Abhängigkeit nutzten –und nutzen immer noch– Tyrannen, um Menschen zu versklaven. Ein Fasten aber, welches über dessen Sinnhaftigkeit reflektiert, kann Tyrannen dieser Welt vernichten. Es gab in der Menschheitsgeschichte viele Tyrannen, die ihr Volk abhängig machten und sich so unabhängig fühlten. Dabei ist der Unabhängige von den Abhängigen abhängig, um Unabhängig zu bleiben.

Ein Kapitän kommt ohne seine Crew nicht voran. Jeder Manager kann ohne seine Angestellten nichts erreichen. Jeder noch so unabhängig erscheinende Herrscher kann ohne die Untertanen nicht herrschen. Für jedes große Industrieunternehmen kann ein Streik der abhängigen Mitarbeiter das Ende des sich Unabhängig wähnenden Vorstandes bedeuten. Das Fasten lehrt, dass allein wer keiner Nahrungsaufnahme bedarf, wahrhaft unabhängig sein kann.

Diogenes von Sinope war ein asketischer Philosoph in Athen und Schüler des Antisthenes; dieser selbst ein Schüler des Sokrates. Er wurde ca. 391/399 n. Chr. in Sinope geboren, gilt als Verächter der Kultur der Masse und wirkte in seiner Philosophie mehr durch seine Askese. Völlige Unabhängigkeit des Menschen von der Außenwelt und aller konventionellen Verhältnisse war für ihn eine Bedingung wahrer Tugend. Ein bekanntes Merkmal war sein „Leben in einer Tonne“.

Als berühmte Anekdote aus seinem Leben gilt eine Begegnung mit Alexander dem Großen. Als einmal mehr beim Einzug Alexanders in eine Stadt die Leute ihm huldigten und alle sich vor ihm Niederwarfen, war die Diogenes der einzige, der es nicht tat. Daraufhin suchte Alexander ihn in seiner Tonne auf und stellt ihm einen Wunsch frei. Diogenes antwortete: „Geh mir ein wenig aus der Sonne.“ ,worauf Alexander feststellte: „Wäre ich nicht Alexander der Große, wollte ich Diogenes sein.“

Ein Volk von vielen wie Diogenes, denen nach nichts verlangt, was der Herrscher ihnen geben könnte, wird niemals Abhängig werden. Es ist die Begierde die ein Volk schwach und abhängig macht. Das Fasten stillt diesen und macht unabhängig von den Ressourcen der Mächtigen. Das Fasten verleiht den Besitztrieb Verstand und Anstand.

Der Fastende ist Mächtiger als der Machthaber, da der Fastende kein Verlangen nach den Ressourcen des Mächtigen verspürt, die Unabhängigkeit des Fastenden besteht darin, das Wollen einzudämmen. Mächtiger ist also nicht nur derjenige, der mehr Interessante Ressourcen kontrolliert, sondern auch derjenige, der das geringste Interesse an den Ressourcen hat, die ein anderer kontrolliert. Mächtig ist demnach derjenige, der den anderen weniger braucht, als dieser ihn.

Der Fastende sehnt sich nicht nach Wasser, das ihm ein Mensch oder ein Machthaber geben kann, er sehnt sich nach Gottesliebe, die Gott denen gewährt, die sich nach ihr sehnen. Wer weniger begehrt, hängt von wenigem ab. Welcher Reichtum ist größer als der des Bedürfnislosen? Welche Macht ist größer als die des Unabhängigen? Welche Tat macht unabhängiger und Mächtiger als das Fasten?

Das Fasten ist ein Mittel, das dazu dient ein Gefühl der Stärke und Unabhängigkeit Gottes zu verspüren. Ein Hauch göttliches und paradiesisches wird den Fastenden zuteil. Ein Hauch von Stärke und Unabhängigkeit, Stärke zum Verzicht und Unabhängigkeit vom Drang der Nahrungsaufnahme. Wer keiner Nahrung bedarf ist unabhängig, nur Allah bedarf keiner Nahrung, so ist nur Er unabhängig. Die Fastenzeit ist eine kleine Kostprobe der Souveränität Allahs und der Fastende darf von ihr, im Monat Ramadan, kosten.


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