Raubtier im Schlamm


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Was denkst du von einem Löwen, der mordet, immer wieder mordet, jedes Mal bereut und bei Gott schwört, es sei sein letzter Mord? Du denkst, er müsse in die Geschlossene eingewiesen werden. Denn Löwen morden nicht und sie bereuen nicht. Ich wünschte, ich wäre als Löwe erschaffen. Statt dessen bin ich ein Raubtier, das sich als Mensch verkleidet. Und ich morde.

Ich morde jeden Tag, wandele unter den Menschen, ungesehen, unerkannt. Mein Spiegelbild widert mich an, meine Haut kann den ekelhaften Geruch meines Wesens nicht verbergen. Die Übelkeit liegt über mir von morgens bis abends, raubt meinen Schlaf. Was einst verborgen blieb, quillt nun nach außen. Was einst so geheim, dass ich es nur ahnte, offenbart sich. Wieso enttarnt mich niemand?

Vor Ewigkeiten begann ich zu morden, geschah unbedacht, ich suchte nicht danach, aber ich wandte mich auch nicht ab. Ich spürte, was ich nicht kannte. Es fing mich ein, verflog, ich wollte es wieder erleben. Also mordete ich erneut. Die ersten Male begriff ich nicht, dass ich mordete, verstand erst nach Jahren des Tuns. Es wirkte sich nur langsam auf mich aus, unmerklich. Wie dünne Fäden, deren Gewicht dich nicht belasten. Sie verdichten und verbinden sich, und du wirst ihrer gewahr, wenn sie dich zu Boden reißen.

Früher zählte ich zu den Menschen, damit ist es vorbei. Was eins verklebt war, ist heute zerfressen. Ich hasse die anderen, mustere sie als meine nächsten Opfer. Ich hasse sie, weil sie Menschen sind, weil sie nicht stinken. Entlarvt mich doch endlich!

Ich krieche im Schlamm, krieche immer tiefer. Der Schlamm belegt meine Augen, das Atmen fällt mir schwer, das Ufer ist fern. Meine Gedanken sind verkleistert: Ich fürchte Gott wegen meiner gebrochenen Eide nach den Morden, sie nie wieder zu begehen, aber die Morde selbst bereue ich, wie die Sonne bereut unterzugehen. Ich hörte: „Gott belangt euch nicht wegen unbedachter Rede in euren Eiden. Aber Er belangt euch wegen dessen, was eure Herzen begehen. Und Gott ist voller Vergebung und langmütig.“ Der Klang dieser Hoffnung verhallte, wie eine Stimme aus einem früheren Leben. Ich wünschte, meine Maske fiele ab und ich stünde nackt, ich bettele um tötende Blicke. Niemand erkennt mich. Was soll ich nur tun?

Ich reise zu einem der Weisen. Seine Augen durchdringen jede Hülle und sehen, was im Verborgenen liegt – so heißt es, und ich vertraue. Seine Aura ist gleich dem Glanz der Sterne, die strahlen, lange nachdem sie vergingen. Ich stehe vor ihm und grüße, er grüßt, lächelt. Wir setzen uns, ich warte auf die Erlösung. Aber nichts: keine Enthüllung, kein Rat, keine Andeutung. Er sitzt nur da und spricht von Gott und der Welt. Ist er blind oder genießt er, mich zu foltern? Ein Meister der Qualen ist er, ich bin enttäuscht.

Es gibt keine Erlösung für mich, nicht in den Himmeln und nicht auf Erden. Hoffnung ist eine Illusion, die Unkenntnis der Menschen meine Strafe und das Morden mein Feuerholz. Die Hölle in mir lodert, bin immer noch nicht verbrannt, ich wünschte, ich wäre. Dem Blinden ist das Licht gleich, in die Dunkelheiten geführt ist er.

Doch lebt etwas, ein Funke, dessen Stimme ich wahrnehme. Er ruft nicht, wimmert bloß: „Hör einfach auf!“ Mit dem Morden? Das ist sinnlos. Als wenn mich das retten könnte, denn Raubtier bleibt Raubtier, auch wenn es nicht raubt. Dennoch will ich ablassen. Aber ich bin unfähig. Morgen versuche ich es erneut, halbherzig, willensschwach, weiß ich doch, dass der Mord übermorgen folgen wird. „Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre“ – ein Rat für die Starken, aber nicht für Feiglinge, deren Schleier eine Betonwand ist. Ist mein Urteil gesprochen? „Und hoffnungslos wird der, dessen Last selbst begangenes Unrecht ist.“

Ein Seil im Schlamm? Fein gesponnen und reißfest. Es schlängelt sich vor mir, ich greife es. Die Wucht seines Zuges befreit meine Beine, lässt den Schlick schmatzen. Ich stehe auf dem Schlammsee. Das andere Seilende hält ein Mensch, ich erkenne nicht mehr als Umrisse. Ich rufe: „Wer bist du?“ Keine Antwort, verdiene keine. Ich weine, bin aufgelöst. Warum erst jetzt? Warum die Tortur? Ich lasse das Seil fallen, meine Schuhe sinken in den Schlamm zurück, der Umriss entfernt sich. Panik erfasst mich, ich schreie: „Es hat nicht gereicht! Es zieht mich zurück. Wirf mir noch ein Seil zu!“

„Öffne deine Augen, o Blinder!“, donnert die Stimme. Ich schaue mich um: Überall liegen Seile, im Abstand weniger Meter, sind miteinander verknotet, führen ans Ufer.

„Die Seilenden Gottes liegen neben den Gerechten und den Ungerechten, säumen den Weg der Wohltäter und der Geizigen, allein sehen und greifen musst du selbst“, sagt der Funke.


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