Religion als Opium des Volkes?


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Alles Göttliche wird in unserer Hemisphäre verteufelt, mit Verweis auf die Rolle der Religion in der Vergangenheit, alles, was nur dem Anschein nach religiös ist, abgelehnt. Meistens geht es um die Rolle der Kirche in der Vergangenheit als Machtzentrum, später als Machterhaltungszentrum. Doch kann man es sich so leicht machen und Religionskritik als Lösung aller Probleme betrachten?

In Diskussionen mit Kollegen über soziale Probleme und Ungleichheiten muss die Religion als Verursacher herhalten. Alles Übel auf der Welt hätten wir der Religion zu verdanken. Die Priester und Gelehrten seien Schuld daran, dass die Herrschenden ihre Macht behalten und die Beherrschten besänftigen.

Schon Karl Marx (1818-1883 n.Chr.) rechnete seinerzeit mit der Religion ab (in Anbetracht seiner Zeit und dem Einfluss der Religion in Deutschland) und schrieb:

Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist. (Karl Marx)

Marx meint, dass die Religion Opium für das Volk ist. Als religiöser Mensch nehme ich ihm die Aussage gar nicht übel. Denn irgendwo hat er recht, aber nur irgendwo. Die Aussage ist auf keinen Fall überall gültig, sondern da, wo es Marx verwendete. Marx ist mit seiner Aussage nicht allein. Selbst religiöse Menschen verurteilen die Machenschaften der religiösen Autoritäten, wenn sie sich von den ungerechten Herrschenden instrumentalisieren lassen. Wenn religiöse Autoritäten ungerecht herrschende (politische) Autoritäten mehr Autorität verleihen, dann wird es problematisch. Die Islamische Revolution im Iran (seit 1979) war auch ein Aufstand gegen die Hof-Gelehrten des Schahs, die seinen Herrschaftsanspruch religiös legitimierten.

Noch heute werden die Priester, religiöse Gelehrte – gleich ob es sich um christliche oder muslimische handelt – von Religionsgegner kritisiert. Denn Priester, die Marx meinte, schläferten die Kritik des Volkes gegenüber ihren Herrschern ein. Die Priester – als Hüter und Erklärer der Religion – legalisierten die Herrschaft der Herrschenden. Bertolt Brecht schreibt in seinem Schauspiel Leben des Galilei: „…keine Fürsten ohne Mönche…“. Deshalb – so Marx – muss die Religion mit ihren Institutionen verschwinden, dann ist Friede, Freude, Eierkuchen.

So einfach ist es heute aber nicht. Heute verteilen die meisten Staaten ihre materiellen Güter auf eine empörend ungleiche Weise, zum Vorteil der gesellschaftlich, politisch und militärisch Mächtigen. Doch egal, wie mächtig die Herrschenden sind, sie sind nie mächtig genug im Verhältnis zur großen Mehrheit der Beherrschten, die in wenigen Stunden das sie ausbeutende System stürzen könnten, wenn sie es schafften, sich zu verbünden. Wie gelingt es den Herrschenden, ihre Macht zu erhalten und die materiellen Vorteile von der Mehrheit unbehelligt weiterhin für sie zuträglich zu verteilen?

Damals geschah dies durch die Herausbildung einer legalisierenden Ideologie, die die Mehrheit davon überzeugte, dass die Herrschenden rechtmäßig herrschten. Also, dass es so sein musste. So entwickelte sich die Kaste der Priester, die die herrschende Ideologie pflegten, mit deren Hilfe der Herrschende manifestierte, dass es eine Sünde wäre, das zu begehren, was die Herrschenden hätten. Der herrschenden Ideologie wurde eine religiöse Gestalt gegeben. Die soziale Ungleichheit, die Gewalt der Regierenden wurde als gottgewollter natürlicher Zustand legalisiert. Sowohl die Päpste, wie die Kalifen.

Aber ist dieser Zustand typisch für die Religion? Ist die Religion Opium fürs Volk? Nein! Schon seit einiger Zeit meinen die Wirtschaftshandbücher, die herrschende Form der Wirtschaftstheorie, die Wirtschaftsteile der Zeitungen und die wirtschaftswissenschaftlichen Kommentatoren uns davon überzeugen zu müssen, dass Wirtschaftsfragen zu kompliziert seien, als dass gewöhnliche Sterbliche dazu eine Meinung haben könnten (und wir sie insofern lieber den Bankern, den Technokraten, den „Fachleuten“ überlassen sollen) – erinnert dies nicht an die Priester, die in Latein, predigten? In diesem Zusammenhang spricht man vom ökonomischen Analphabetismus – der von den Wirtschafts-Priestern gewollt ist. Henry Ford (1863 – 1947 n.Chr.) soll gesagt haben: „Es ist gut, dass die Menschen unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen, denn wenn sie es täten, glaube ich, gäbe es eine Revolution noch vor morgen früh.“

Nach dem Triumph des Materialismus nahm die herrschende Ideologie die Gestalt einer scheinwissenschaftlichen Wirtschaftstheorie an. In Deutschland zum Beispiel kann man religiöse Autoritäten nicht für die Ungleichheit zwischen Reiche und Arme verantwortlich machen. Sowohl die Politik, als auch die Wirtschaftswissenschaftler treffen Entscheidungen rein nach dem Kosten- und Nutzenverständnis. Der Wissenschaftsautor Stefan Klein schreibt in seinem Buch Der Sinn des Gebens:

Erst recht beruhen die traditionelle Wirtschaftswissenschaft und die Politik, die sich auf ökonomische Theorien beruft, auf einem rein materiellen Verständnis von Kosten und Nutzen.

Die Priester, die man heute als Legalisierer der Herrschenden bezeichnen kann, sind nicht religiöse Gelehrte, sondern Wirtschaftstheoretiker, Banker und Wirtschaftsweise. Denn längst ist der Kapitalismus die herrschende Religion und Wirtschaftswissenschaftler ihre Priester. Es sind die Wirtschaftswissenschaftler, die eine höhere Versteuerung der Reichen ablehnen und mit ihren Theorien als wirtschaftsschädlich abtun. Obwohl eine höhere Besteuerung der Reichen dazu führen würde, dass der Staat mehr Handlungsspielraum hat, um den Armen unter die Arme zu greifen.

Eine Religion, die von den Herrschenden instrumentalisiert wird, ist Opium für das Volks. Eine materialistische Religion ist tatsächlich Opium für das Volk. Unsere Marktgesellschaft mit ihrer Religion des Kapitalismus ist Opium für das Volk. Die Wirtschafts-Priester tun alles, damit ihre Herrscher an der Macht bleiben, und verbreiten falsche Horrorszenarien darüber, was passieren würde, wenn man etwas am System veränderte.

Heute ist die Religion (Glaube an Gott) ein stärkeres Heilmittel für ein opiumsüchtiges Volk als je zuvor. Es war und ist immer die Religion, die Revolutionen ausgelöst hat. Auch heute wird es die Religion sein, die die Menschen aufwecken wird. Oder um mit dem Kabarettisten Volker Pispers abzuschließen:

Der Volksmund sagt: Religion ist Opium für das Volk. Das ist irreführend. Opium ist eine bewusstseinserweiternde Droge.


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