Religion ist der Hals


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Sich für die Gesellschaft einzusetzen, heißt auf eine Gesellschaft hinzuarbeiten, die den Menschen vollnimmt, mit all seinen scheinbaren Widersprüchen. Der heutige Mensch sieht immer mehr ein, dass die Wirtschaft, die Medien und die Politik nicht sein ganzes soziales Leben ausmachen.

Das vierte Element –die Religion- kann sich aber bis heute wegen der Übermacht der anderen Gesellschaftsbereiche nicht richtig entfalten. Dies gilt nicht nur für die vielen Diktaturen, sondern auch für Demokratien, die noch weit davon entfernt sind, das religiöse Leben auf sich selbst zu stellen.

Die drei Gesellschaftsbereiche -Politik, Wirtschaft und Medien- sind aber so aufeinander angewiesen, dass die Bevormundung eines Bereiches katastrophale Rückwirkungen auf die beiden anderen Bereiche hat. Wenn die Wirtschaft innerhalb der Gesellschaft die Übermacht übernimmt, dann kann sie die Medien und dadurch die politische Meinung steuern. Übernimmt die Politik die Übermacht, kann weder die Wirtschaft noch die Medienlandschaft frei agieren. Auf diese Verkümmerung versuchen religiöse Menschen aufmerksam zu machen und neue Perspektiven aufzuzeigen.

Gerade was diese Zuordnung anbelangt, bringt der religiöse Ansatz manche Überraschungen. Die Gesellschaftsbereiche sollen sich vereinend gestalten und dadurch im Ergebnis organisch, d.h. positiv aufeinander wirken. Was zunächst abstrakt klingt, hat, wenn es in die Praxis umgesetzt wird, radikale Folgen.

So ist die Politik -also der Staat- nicht mehr vom religiösen Leben und beispielsweise Bildungspolitik zu trennen. Erst wenn die Bereiche in einander gewoben werden, können sie ihre Eigengesetzmäßigkeiten voll zur Blüte bringen und ihren eigentlichen Idealen nachjagen: Freiheit im ‘Geistesleben’, Gleichheit im Rechtsleben und Solidarität im Wirtschaftsleben. Eine andere Zuordnung der Ideale würde zerstörerisch wirken:

Gleichheit im Geistesleben tötet jede Innovation. Freiheit vor dem Gesetz hebt die Gesetze auf. Ein anderes Ideal als die Solidarität für das Wirtschaftsleben führt zur Gleichheit (Sozialismus) oder zur Verantwortungslosigkeit (Kapitalismus).

Erst die Zuordnung zu unterschiedlichen Lebensbereichen macht die Ideale unserer Gesellschaft lebendig: vermischt heben sie sich gegenseitig auf. Hier kommt die Religion ins Spiel. Die Religion vereint die einzelnen Gesellschaftsbereiche und ordnet sie entsprechend ihrer Aufgabenbereiche zu. Die Religion verleiht jedem Gesellschaftsbereich die gleichen Werte und lässt keines dieser Bereiche die Überhand übernehmen.

Es ist aber nicht so, dass die Religion dafür die Überhand in der Gesellschaft übernimmt. Vielmehr ist die Religion als Wertekanon zu verstehen, welches unter einem gesellschaftlichen Konsens steht. Nur wenn dieser gesellschaftliche Konsens besteht, kann die Religion eine gesellschaftliche Dirigentenrolle übernehmen. Zur Zeit können in Deutschland die Politik, die Wirtschaft und die Medien tun, lassen und sagen was sie wollen; weil es noch keinen einheitlichen, von allen Gesellschaftsmitgliedern akzeptierten Wertekatalog gibt.

Der Dialog der Religionen und der Wertesysteme darf sich nicht lediglich auf einen Austausch und Zeitvertreib beschränken. Vielmehr sollten diese Dialoge -die es durchaus gibt- auf das Ziel hinarbeiten, einen von allen Gesellschaftsmitgliedern akzeptierten Wertekatalog zu entwickeln.

Wenn dieser Schritt getan ist, können Politik, Wirtschaft und Medien diesem allgemein akzeptierten Wertekatalog verpflichtet werden. Und wenn diese Verpflichtung besteht, kann bei ‘Fehlverhalten’ der einzelnen Gesellschaftsbereiche, genau definiert werden was genau falsch gemacht wurde. Die Religion ist eine Kampfansage gegen jede Wertelosigkeit in einer Gesellschaft. Denn die drei Gesellschaftsbereiche sind in unserer Gesellschaft der Kopf, nach ihnen soll alles gehen. Die Religion ist der Hals, sie weiß den Kopf zu drehen.


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