Sieben Stimmen zum Böllern


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Ich suche Zuflucht vor dem Übel der Nacht. Ein Brandfleck in meinem Fell, verkohlte Haare an der Schwanzspitze, das war letztes Mal. Ich versteckte mich bis zum Morgengrauen im Unterholz, aber sie warfen ihr Feuer in den Wald. Vögel habe ich zum Fressen gern. Was sie jedoch in dieser Nacht ertragen mussten, war die Abart der Menschen. Die Amsel saß auf einem Ast, wurde von einer blauen Rakete getroffen. Ich weiß nicht, ob sie am Zusammenstoß starb oder an ihren Verbrennungen. Gott verfluche die Brandstifter.

Ich freue mich auf heute Abend. Mein Baba kauft viele Knaller. Dieses Mal darf ich eine Rakete anzünden und bis Mitternacht wach bleiben, weil ich schon groß bin. Die Lichter funkeln und es gibt Kuchen. Die ganze Familie kommt. So schön ist es nur einmal im Jahr.

Mir ist bewusst, dass es Geldverschwendung ist, Umweltverschmutzung und schlimmeres. Aber die Kinder wünschen es sich und sie sollen sich nicht ausgeschlossen fühlen. Sie dürfen den Islam nicht als Gegenteil von Spaß missverstehen, ich kann ihnen nicht alles verbieten. In ihrem Alter verstehen sie die Argumente nicht. Ein bisschen Böllern schadet nicht.

Dieses Jahr erwarten wir einen Rekordumsatz. Die Lager sind gefüllt, die Prospekte gedruckt. Meine Stellvertreter erhalten je zwanzig Pakete gratis als Weihnachtsgratifikation. Und wenn diesmal kein volltrunkener 400-Euro-Sklave zur Silvesterfeier der Mitarbeiter in der Kantine böllert und die Gartenabteilung in Brand setzt, wird es ein gelungenes Jahr werden.

Nichts lockt die Jugendlichen in die Moschee, keine deutschsprachigen Veranstaltungen, keine Latmiyyas oder Grillparties. Aber seit März haben wir einen Freizeitraum mit Playstation und einer Schischa-Bar. Der ist immer gut besucht, ein voller Erfolg. Heute Abend gehen wir einen Schritt weiter: Bomb your Masjid Böllern auf dem Moscheegrundstück, ein Event für die ganze Gemeinde. Meine Wiederwahl ist gesichert. Ob es das islamische Ideal ist? Was ist schon ideal, man muss Kompromisse eingehen und das Beste aus seinen Umständen machen. Alles andere führt zu verwaisten Moscheen.

Traurig ist, was sich jährt. Sie sehen Pulver und Papier, aber was sie wirklich verbrennen, entgeht ihnen. Kein Nutzen, aber viel Schaden. Wir sagten damals schon, sie würden Unheil auf Erden anrichten, während wir Gott priesen. Das Vertreiben der Geister zum neuen Jahr mag nicht ihr größtes Unheil sein. Dennoch wirft es jeden zurück, der nach vorne geschritten war.

Mein Fest ist nah. Die Warner wähnen, es ginge um Feuer und Knall. Mir geht es um Sinn und Kultur. Sie verteufeln das Pulver, übersehen dabei den Wandel ihrer Gedanken. Wie leicht sich dieses Geschöpf aus Ton verirren lässt. Ich beweise nur, was ich behauptete.


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