Unsere Tradition: Halal und Haram stehen kopf


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Als der heilige Prophet Muhammad in Mekka die Menschen zum Islam einlud, gab es viele verschiedene Götzenkulte und traditionelle Religionen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Er aber rief die Menschen dazu auf, die falschen Traditionen aufzugeben und sich dem Ein-Gott-Bekenntnis anzuschließen.

Die Mekkaner kannten den Propheten als aufrichtigen und ehrlichen Menschen. Was sie aber an seiner Botschaft störte, war, dass der Prophet sie dazu aufforderte, die Traditionen ihrer Vorväter aufzugeben. Diese waren ihnen heiliger als die Wahrheit. Im heiligen Qur’an heißt es dazu:

Und wenn ihnen gesagt wird: «Folgt dem, was Gott herabgesandt hat», sagen sie: «Wir folgen lieber dem, was wir bei unseren Vätern vorgefunden haben.» Was denn, auch wenn ihre Väter nichts verstanden haben und der Rechtleitung nicht gefolgt sind?  (2:170)

Sie lehnten also den Islam ab und bekämpften den Propheten und seine Botschaft.

Wir aber haben doch den Islam angenommen. Wir haben die Wilaya Imam Alis angenommen. Das Paradoxe ist aber, dass wir dennoch bei vielen Halal-Haram-Angelegenheiten nicht auf dem Wege des Islam, sondern dem der Traditionen wandeln. Was uns unsere pakistanische, indische, libanesische, türkische, irakische, afghanische, oder sonstige Kultur über Generationen gelehrt hat, ist uns heilig und wir sind keinesfalls bereit, diese mit der Wahrheit des Islams einzutauschen. Dabei hat jede Kultur ihre Eigenart, und die Beharrlichkeit auf diese macht den Muslimen das Leben schwer.

In einigen pakistanisch-indischen Kreisen gilt das Tragen der traditionellen Kleidung als ein Wadschib, also ein Muss! Vor allem gut erzogene, als religiös geltende Frauen tragen den Schalwar-Qamiz, der oft weit davon entfernt ist, die Körperformen zu bedecken. Auch ist diese Kleidung für wärmere Gefilde geeignet, nicht aber für die Wintermonate in Deutschland. Dennoch halten die tapferen Frauen durch und tragen diese Kleidung auch im Winter. Frostbeulen werden in Kauf genommen und gelten als Kaffara für diesen Dschihad-ul-Tradition. Ich frage mich nur, was wohl diese Extrempakistanisten in Sibirien bei -25° Celsius machen? Wahrscheinlich sind so dort schon ausgestorben. Um sich das Ganze besser vorstellen zu können, hier eine kleine Anekdote:

Eine aus Pakistan stammende Schwester war einmal bei Pakistanis zum Abendessen eingeladen und trug dabei keine traditionelle Tracht, dafür aber ein Kopftuch und lockere Kleidung, sodass ihr Hidschab gewahrt war. Damit hatte sie eine Todsünde begangen und erntete giftige, abwertende Blicke. Die „gut erzogenen, religiösen“ Frauen waren nämlich alle traditionell mit einem engen Oberteil mit Halbärmeln und einer fast neonfarbenen, auffälligen Hose bekleidet. Unten schauten noch die hennabemalten nackten Füße mit rot lackierten Fußnägeln heraus. Eine ältere Dame in neongrün stellte schließlich die Schwester zur Rede: „Du bist viel zu deutsch geworden und hast deine Identität verloren, Mädchen! Weißt du denn nicht, dass westliche Kleidung haram ist?“ Entrüstet legte sie sich ihr durchsichtiges Tuch auf die Haare und wandte sich ab.

Dieser Logik nach gilt, dass jegliche nicht traditionelle Kleidung haram ist. Maßgebend ist die Kultur, nicht der Hidschab. Dieser hat nämlich gar keine Bedeutung. Gerade auf Hochzeiten haben muslimische Frauen größte Schwierigkeiten, den Hidschab zu wahren. Der Druck der Tradition zwingt die Braut, sich geschminkt und mit schrillen Farben bekleidet zu zeigen. Dagegen zu argumentieren oder Fatwas zu beschaffen, hilft nichts, denn es gilt die Devise: „Das ist unsere Tradition und sie bestimmt, was halal ist!“

Um beim Thema Hochzeit zu bleiben: Die Ehe zwischen einer Sayyida und einem Nicht-Sayyid ist laut Tradition ebenfalls haram. Denn dieses heilige Blut darf nicht verunreinigt werden. So eine Ehe ist unter keinen Umständen gültig. Und überhaupt: Die Abstammung ist wichtig, nicht der Charakter! Die Hauptsache ist, nachdem die Sayyid-Nicht-Sayyid-Frage geklärt ist, dass der Bewerber – wenn schon nicht aus unserem Dorf – zumindest aus unserem Land stammt. Libanesen für Libanesen, Türken für Türken. Eine Mischung könnte explosiv sein. Man mischt ja auch nicht Cola mit Mentos.

Die Ebenbürtigkeit wird auf Nationalismus und bei „freidenkenden“ Traditionalisten zusätzlich auf den Bildungsstand begrenzt. Dass der Islam keinen Rassismus und Nationalismus kennt, ist der Tradition gleichgültig. Denn sie allein bestimmt, was halal und was haram ist.

Eine weitere Begebenheit schildert ein Bruder, der in seiner Heimat frisch geheiratet hatte und mit seiner Frau bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland in einem Großfamilienhaushalt lebte. Die Ehefrau trug im Hause Hidschab, denn dort wohnten auch die Cousins und der Onkel ihres Mannes. Nach einigen Tagen zitierte die Tante des frisch Vermählten ihn für ein Gespräch unter vier Augen in ihr Zimmer. Sie fragte ihn: „Was hat das zu bedeuten, wieso läuft deine Frau zu Hause so rum?“ Der Neffe verstand nicht und fragte, was sie mit diesem „so“ meinte. „Na mit diesem Ding auf dem Kopf und der Abaya! Sie ist eine frisch vermählte Braut und soll sich gefälligst schminken!“ Der Neffe machte sie darauf aufmerksam, dass im Haus auch seine Cousins und sein Onkel wohnten und diese nicht-mahram für seine Frau wären. Deshalb verschleierte sie sich vor ihnen. Der Tante blieb die Luft weg. Sie wurde wütend und entgegnete: „Hältst du die Männer dieses Hauses für Schurken und Vergewaltiger, dass du sie sich verschleiern lässt?“

Laut der Tradition ist es nämlich so, dass die Schwäger wie Brüder sind und alle Onkel des Mannes wie Väter. Sie werden mal so eben „mahramisiert“. Im Gegensatz dazu ist es streng verboten, dass Ehemann und Ehefrau nebeneinandersitzen und von einem Teller essen. Das ist haram. Laut Tradition. Aber eine Schwägerin zu umarmen und mit ihr grenzenlos zu scherzen, gilt als besonders empfohlen und natürlich halal. Schließlich hat die Schwägerin die Stufe einer Mutter. Natürlich laut Tradition. Versteht sich. Und der Islam hat sich ihr gefälligst zu fügen!

Selbst beim leidigen Thema der blutigen Selbstgeißelung sind es die Traditionalisten, die diese Praktiken für halal erklären. Der Islam kann argumentieren, belegen und widerlegen, wie er will – doch Tatbir wird von Generation zu Generation weitergegeben. Mit gefälschten Überlieferungen ist schnell eine Rechtfertigung zusammengebastelt. Wieder obsiegt die Tradition und halalisiert ein göttliches Haram.

Es interessiert nicht, was der Qur’an, der Prophet oder die Imame dazu sagen. Es spielt keine Rolle, dass austretendes Blut nadschis ist. Es zählt allein das Urteil der Tradition.

Die falschen Traditionen der Vorväter sind in das Blut vieler Muslime übergegangen. Die göttliche Religion ist es leider nicht. Imam Ali sprach zu seinem Volk: „Erst wenn ihr die Traditionen eurer Vorväter ablegt, werdet ihr die göttliche Religion verinnerlichen können.“ Sobald die Muslime aus dem Gefängnis des Nationalismus, Rassismus und der falschen Traditionen ausbrechen und sich der göttlichen Religion zuwenden, wird es auch keinen Halal-Haram-Konflikt mehr geben. Dann wird jeder Muslim das göttliche Halal und das göttliche Haram als letzte Instanz akzeptieren. Denn dann ist allein Allahs (swt.) Wort der Maßstab: Der Islam allein ist die ideale Tradition.


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