Victor Hugo und Karbala


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Die Geschichte von Jean Valjean, dem ehemaligen Galeerensklaven, der trotz seiner langen und ungerechten Haftstrafe niemals als resozialisiert gilt und immer wieder von seinem Verbrechen, ein Laib Brot gestohlen zu haben, eingeholt wird, wurde schon oft erzählt, verfilmt und besungen. In „Lés Misérables“ (dt. Die Elenden) hat Victor Hugo (1802-1885) verschiedene Arten von Elend durch verschiedene Charaktere eindrucksvoll erzählt, die durch das Elend, das sie erfahren, kriminell oder heilig werden. Sein Meisterwerk gilt bis heute als eines der leidenschaftlichsten Plädoyers für Menschlichkeit. Von Imam Chamene’i ist bekannt, dass er das Buch ausdrücklich seinen Anhängern anempfohlen und es sogar als den besten Roman der Geschichte bezeichnetet hat.

Meiner Meinung nach ist „Die Elenden“ von Victor Hugo der beste Roman, welcher im Laufe der Geschichte geschrieben wurde.

Er bezeichnet den Roman sogar als Wunder.

Es ist wirklich ein Wunder. Ich empfehle es allen jungen Leuten, nicht erst jetzt, wo ich zu euch spreche, ich habe es schon mehrmals gesagt gehabt. Als die jungen Leute vor der Revolution zu mir kamen, so sagte ich ihnen mehrmals, geht und lest auf jeden Fall einmal „Die Elenden“ durch. „Die Elenden“ ist ein Buch der Soziologie, es ist ein historisches Buch, es ist ein kritisches Buch, ein göttliches Buch, es ist ein Buch der Leidenschaft, Zuneigung und Liebe.

In die Handlung eingestrickt malt Victor Hugo die Szene eines Barrikadenkampfes glühender Anhänger aus, die bereit sind für ihr Ideal, nämlich die Republik, zu sterben. Dieser herzergreifende Barrikadenkampf mit seinen Helden und Märtyrern ruft unwillkürlich die Erinnerung an Imam Hussein (a.) hervor. Erstaunlicherweise offenbaren sich dabei so einige Parallelen zwischen dem Kampf in Paris im Jahr 1832 und dem Kampf in Karbala im Jahr 680. Es stellt sich beinahe die Frage, ob Victor Hugo möglicherweise von Imam Hussein (a.) inspiriert wurde.

VORSICHT: Im Folgenden sind einige Ähnlichkeiten zwischen dem Kampf im Buch Lés Misérables und der Schlacht von Karbala aufgelistet. Die nachfolgenden Punkte nehmen dem Buch und insbesondere dem entsprechenden Kapitel jegliche Spannung. Wer das Buch in Zukunft (zum ersten Mal) lesen möchte, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen!

  1. In beiden Schlachten sind die Revolutionäre in hoffnungsloser Unterzahl. Anfangs hoffen sie auf Verstärkung. Als klar wird, dass keine kommt, entscheiden sie sich dafür, stehend zu sterben.
  2. Während für die feindlichen Soldaten in Karbala mit der Zeit immer mehr Verstärkung eintraf, fragte Ruqayya bint Hussein (a.) ihren Vater, ob er auch Verstärkung bekommen würde. Doch die einzige Verstärkung, die er bekam, war der fast 60-jährige Habib ibn Mudhahir.
    Auch in Lés Misérables warten die Revolutionäre auf Verstärkung. Es stößt aber ebenfalls nur ein etwa 60 Jahre alter Mann zu ihnen.
  3. In Karbala werden alle Männer zu Märtyrern, bis auf Imam Zainul Abidin (a.), der schwer krank überlebt.
    Im Buch werden alle Männer zu Märtyrern, bis auf Marius, der schwer verletzt gerettet wird. Jean Valjean überlebt zwar auch, hat aber auch nie mitgekämpft. Er kam nur, um Marius zu retten.
  4. Die Beschreibung des Anführers: Enjolras ist ein Anführer wie aus dem Bilderbuch. Sein Anblick bringt den Leuten Mut und Kraft. Er ist ein „unbeugsamer Prinzipienmensch“, der ein Ansehen genießt, „wie es nur das Absolute verleihen kann“. Während die anderen Kämpfer durchaus nicht perfekt sind, wird Enjolras ohne Makel beschrieben: leidenschaftlich, konsequent, mutig, stark und gerecht. Er ist bereit für sein Ideal zu kämpfen und zu sterben.
  5. Genau wie in Karbala werden auch im Barrikadenkampf Kinder zu Märtyrern. Die Heldenseele des 13-jährigen Gavroche ist eine Inspiration für alle Kämpfer. Hat Victor Hugo sich da an dem 13-jährigen Helden von Karbala orientiert?
    Qasim ibn Hasan (a.) offenbarte seinen Heldenmut schon vor der Schlacht, als er zu seiner Mutter sagte: „Mutter, morgen werden Onkel Abbas, Ali Akbar und ich Imam Hussein verteidigen. Wenn ich getötet werde, weine bitte nicht um mich, Mutter.“
    Im Gegensatz zu Qasim hat Gavroche allerdings die schlechtesten Eltern, die man wohl in ganz Paris hätte finden können.
  6. Um auch einen Alten im Kampf dabei zu haben, schuf Victor Hugo die Figur des Vater Mabeuf. Seine Leidensgeschichte wird mit viel Liebe erzählt. In den meisten Verfilmungen und auch in der berühmten Musicalverfilmung wird diese Figur leider wegrationalisiert, da sie die Geschichte nicht voranbringt. Es scheint, als hätte der Autor Vater Mabeuf nur erfunden, damit im Barrikadenkampf ein alter Mann zum Helden wird. Hat er Vater Mabeuf womöglich nur wegen Muslim ibn Ausadscha erfunden, der mit etwa 80 Jahren noch für Imam Hussein (a.) kämpfte? Muslim ibn Ausadscha war der erste Märtyrer der Schlacht – genau wie Vater Mabeuf.
  7. In Karbala ging den Anhängern von Imam Hussein (a.) das Wasser aus und Abbas ibn Ali (a.) ritt kämpfend zum Euphrat, um Wasser zu holen.
    Im Roman geht den Revolutionären zwar nicht das Wasser, wohl aber die Munition aus. Da vor der Barrikade viele Kugeln auf dem Boden liegen, macht sich der kleine Gavroche auf, um für seine Kameraden Nachschub zu besorgen. Genau wie Abbas (a.) kehrt er nicht zurück.
  8. Während der Schlachtvorbereitungen überlegten einige Revolutionäre von Paris, dass ihre Frauen einen großen Anteil an dem Aufstand hätten: „All unser Heldenmut kommt von unseren Frauen. Ein Mann ohne Frau ist wie eine Pistole ohne Abzug.“
    Erinnert das nicht an den Märtyrer Zuhair ibn Qain, dem seine Frau Dalham bint Amru riet zu Imam Hussein (a.) zu gehen und ihn anzuhören? Erst dadurch kam es zu dem kurzen Treffen, in dem Zuhair sich dazu entschloss beim Imam zu bleiben und ihn zu verteidigen.
  9. Mit Umm Wahab wurde in Karbala sogar eine Frau zur Märtyrerin.
    Ebenso im Roman. Dort ist es Éponine, die auf der Barrikade getötet wird.
  10. Am Vorabend der Schlacht bekommen die Kämpfer die Erlaubnis zu gehen. Imam Hussein (a.) entband seine Anhänger von ihrem Treueeid.
    Die Pariser Revolutionäre bekommen etwas Ähnliches zu hören: „Geht, Ihr, die Ihr Familienangehörige habt!“

Natürlich gibt es auch Unterschiede. Beispielsweise findet die Geschichte von Hurr ibn Yazid al-Riyahi keine Entsprechung im Roman. Insgesamt sind die Gemeinsamkeiten aber doch erstaunlich. Dass Hugo sich von der Geschichte von Karbala hat inspirieren lassen, ist nicht unwahrscheinlich. Immerhin gibt es ein bekanntes Zitat von Victor Hugo über Imam Hussein (a.):

Die Prinzipien der Revolution Husseins wurden zum Weg für alle Rebellen, die ihre Rechte den Händen der Unterdrücker entreißen wollen.


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