Von Taqlid zu Wilayat-ul-Faqih


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Warum brauchen wir Taqlid?

Allah hat die Menschen zu jeder Zeit rechtgeleitet. Die Rechtleitung fing mit dem Prophetentum an. Jeder Prophet hatte vier Pflichten zu erfüllen:

  1. Wahiy (Eingebung durch Gott akzeptieren und die [Ahkam-]Regeln daraus annehmen).
  2. Die Regeln (Ahkam) an die Menschen überbringen und sie ihnen erklären.
  3. Schlichtung zwischen (streitenden) Menschen (Rechtsstreitigkeiten).
  4. Regierung und Wilaya, d.h. die Führung und Leitung der islamischen Gemeinschaft.

Als das Prophetentum mit dem Propheten Muhammad (s.) beendet wurde, wurde auch der erste Punkt, die Wahiy, mit ihm beendet, denn was der Prophet (s.) als halal (erlaubt) bezeichnete, ist bis zum Jüngsten Gericht halal, und was er als haram (verboten) bezeichnete, wird bis zum Jüngsten Gericht haram bleiben. Hiernach fing das Imamat an, welches auf die zwölf Imame basiert.

Diese zwölf Imame hatten die folgenden drei Pflichten, da sie die Nachfolger des Propheten sind:

  1. Die Regeln (Ahkam) an die Menschen überbringen und sie ihnen erklären.
  2. Schlichtung zwischen (streitenden) Menschen (Rechtsstreitigkeiten).
  3. Regierung und Wilaya, d.h. die Führung und Leitung der islamischen Gemeinschaft.

Aus der Geschichte geht hervor, dass von der Zeit des ersten Imams, Ali ibn Abi Talib, bis zum Martyrium des elften Imams, Hassan al-Askari (Friede sei mit ihnen allen), jeder Imam versuchte, diese drei Pflichten zu erfüllen.

Als der zwölfte Imam kam und durch Allahs Befehl in die kleine Verborgenheit (al-ghaybat-us-sughra) überging, bestimmte er selbst vier aufeinanderfolgende Stellvertreter, die als Verbindung zwischen ihm und den Muslimen fungierten.

Seit Imam al-Zaman (möge Allah seine Rückkehr beschleunigen) auf Anordnung Allahs in die große Verborgenheit (al-ghaybatul-kubra) im Jahre 329 n.H./941 n.Chr. überging, stellt sich die Frage, ob es denn keinen Stellvertreter des Imams gibt, so wie es nach dem Propheten eines Stellvertreter des Propheten (in Form der Imame) gegeben hat? Ist denn niemand da, der diese drei Pflichten während der Abwesenheit des Imams übernehmen muss? Auch bei diesem Punkt hat Allah (swt.) dem Menschen keine Möglichkeit zur Ausrede gelassen, man kann nicht einfach sagen: „Oh, was können wir tun, unser Imam ist ja in der Verborgenheit – wenn der Imam wiederkommt, sehen wir weiter!“ Leute, die solcherlei Aussagen treffen, werden auch dann nichts tun, wenn der Imam kommt.

Solche Leute sind genauso wie ein Charakter in einem gewissen iranischen Film. In ihm wird ein Mann dargestellt, der die ganze Zeit sein Schwert schärft und den Leuten erzählt: „Sobald der Imam kommt, werde ich was für den Islam tun.“ Und als eines Tages der Imam in seinem Traum erscheint und ihm sagt: „Komm, es ist Zeit für den Dschihad!“, antwortet der Mann: „Ach, Imam, geh schon mal vor und fang an zu kämpfen, ich gehe mich nur schnell kurz duschen und komme dann nach.“

Imam al-Zaman (a.) sagt selbst in Bezug auf die Gelehrten (Fuqaha): „Sie sind für Euch ein Beweis und Wir sind für sie ein Beweis durch Allah.“ An diesem Punkt fängt das System des Taqlid an.

Was ist Taqlid?

Wörtlich bedeutet Taqlid „(jemandem) folgen“, „nachahmen“. In der islamischen Terminologie bedeutet dies, einem Mudschtahid (Rechtsgelehrten) in religiösen Rechtsfragen zu folgen. Ein Mudschtahid ist ein Experte der islamischen Rechtssprechung (Fiqh), er wird auch „Faqih“ genannt. Der Faqih, den man nachahmen kann, wird Mardscha al-Taqlid genannt.

Wessen Taqlid ist erlaubt?

Das Taqlid-System basiert auf zahlreiche Aussprüche (Ahadith) der Imame. Ein Hadith des elften Imams, Hassan al-Askari (a.), besagt, dass der Gelehrte, dem man folgen muss, jener ist, der keinerlei weltliche Wünsche hat. Er sollte nicht nach materiellem Nutzen und weltlichem Ansehen streben. Ein Faqih, der frei von solchen Schwächen ist, soll befolgt werden, auch wenn es außer ihm noch frommere Menschen (die mehr gute Taten vollbringen) gibt.

Scheich Ansari (r.) überliefert in diesem Zusammenhang eine Hadith von Imam Hassan al-Askari (a.):

„Und unter den Fuqaha (Gelehrten) jenen, die sich selbst (vor Sünden) schützen, ihre Religion beschützen, ihrer Fleischeslust standhalten und ihrem Imam (Master) gegenüber gehorsam sind, ist es verpflichtend diesen [Leuten] zu folgen. Solche Merkmale findet man nur in wenigen von ihnen und nicht in allen.

Durch diesen Ausspruch lässt der 11. Imam uns die Voraussetzungen wissen, die ein Mardscha erfüllen muss.

Einige Beispiel von heutigen Maradscha, deren Taqlid erlaubt ist (es gibt viele weitere):

  1. Das Oberhaupt der Islamischen Republik, Imam Sayyid Ali al-Husseini Chamene’i
  2. Ayatullah Sayyid Ali al-Husseini Sistani
  3. Ayatullah Scheich Makarem Schirazi

Warum brauchen wir Wilayat al-Faqih? Was ist Wilayat al-Faqih?

Eine der am Anfang erwähnten drei Verpflichtungen der Imame und derer Stellvertreter (der Fuqaha) ist die Regierung und Wilaya (d. h. die Führung und Herrschaft der islamischen Gemeinschaft).

Wilayat al-Faqih (Führung und Herrschaft durch einen Faqih) ist in diesem Zusammenhang keine neue Erfindung. Solange es keine Führung der islamischen Gemeinschaft durch einen Faqih gibt, ist auch die Befolgung und Durchsetzung der Gesetze der Scharia nicht gewährleistet.

Es gibt zwei Möglichkeiten Wilayat al-Faqih (Herrschaft des Rechtsgelehrten) zu beweisen. Einmal durch Überlieferungen und zum Zweiten durch die Vernunft (Aql).

Wir beginnen mit einigen der vielen Überlieferungen:

Imam al-Zaman (a.) sagt: „Schaut euch jene Leute sorgfältig an, die unsere Überlieferungen darüber, was Wir als erlaubt und verboten erachten, mit Sorgfalt überliefern und über unsere Prinzipien und Gebote Bescheid wissen. Sucht euch einen von ihnen zur Urteilsfindung, denn ich selber habe solch eine Person für diese Aufgabe auserwählt. Wenn sein Urteil (Fatwa) abgelehnt wird, dann ist es so, als ob der Befehl Allahs als leicht erachtet wurde und unser Befehl abgelehnt wurde. Wahrlich, derjenige, der unseren Befehl abgelehnt hat, hat Allahs Befehl abgelehnt. Wahrlich, so eine Person hat die Gefilde des Schirks (Vielgötterei) betreten.“ [Usul al-Kafi]

Imam Ali (a.): „Die Ulama (Gelehrten) sind die Erben der Propheten (a.).“ (Die Propheten waren verpflichtet, eine islamische Führung zu etablieren, so also auch die Ulama, im heutigen Sprachgebrauch ist diese Umsetzung als Wilyat-al-Faqih bekannt.) [Usul al-Kafi]

Imam Ali (a.): „Der Faqih dieser Zeit genießt den Wert/Status der Propheten der Bani Israil.“ [Bihar-ul-Anwar] (Und die Propheten waren die von Gott bestimmten Herrscher und Leiter der Bani Israil.)

Imam Ali (a.): „Die Ulema sind die Befehlshaber (Hakim) der Menschen.“ [Mustadrak-ul- Wasa’il]

Außer diesen gibt es noch zahlreiche Überlieferungen, über welche die Ulema sagen, dass sie das Wilayat al-Faqih System bestätigen.

Die islamischen Regeln (Ahkam) sind nicht nur auf Ibadat (Gottesdienste) beschränkt, sondern umfassen jedes Gebiet des menschlichen Lebens. Seien es individuelle oder soziale Fragestellungen, Gottesdienste oder andere Bereiche des Lebens, sei es die Beziehung der Muslime untereinander oder zu den Feinden des Islams, seien es wirtschaftliche oder die Gesellschaft betreffende Probleme: Zu alledem gibt der Islam eine Lösung. Viele Leute wissen gar nicht, dass es zu jedem Problem eine Lösung im Islam gibt. Genauso wissen die Menschen nichts über das System der Wilayat al-Faqih. Deshalb glauben sie oft, dass es falsch sei, obwohl gerade dieses System die Lösung der Probleme und die Einheit der Muslime bedeutet.

Wenn es keine Führung der islamischen Gemeinschaft gäbe, würde z. B. die Chums (Fünftelabgabe), die Zakat (Steuer für definierte Güter), „Amr bil Ma’ruf & Nahiy anil Munkar“ (Gutes gebieten und schlechtes verwehren) und „Dschihad“ (Anstrengung auf Gottes Weg) nicht realisiert werden können. Wer soll z. B. die Chums einsammeln und gerecht verteilen? Wenn jemand etwas stiehlt oder Ehebruch begeht, wer soll dann die Strafe dafür erlassen und ausführen? Oder wenn jemand den Besitz eines anderen unrechtmäßig besetzt, wer würde ihn seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben? Wenn jemand seine Frau unterdrückt, wer würde der Frau denn zuhören? Und wenn der Ehemann auch nach vielen Schlichtungsversuchen auf seine Unterdrückung beharrt, wer kann ihn dann durch Ausübung von Druck daran hindern?

Eine der Pflichten des Faqihs ist auch die Lösung von Rechtsstreitigkeiten. Wenn er aber nicht in der führenden Position ist, so kann er die Lösungen solcher Rechtsstreitigkeiten nicht um- und durchsetzen, sondern kann höchstens einen Vorschlag zum Schlichten geben.

Wenn man diese Pflicht des Faqihs, also die Lösung von Rechtsstreitigkeiten, im Lichte des islamischen Verbots betrachtet, dass es verboten (haram) ist Rechtsstreitigkeiten von einem ungerechten und unislamischem Staat beilegen zu lassen, sieht man, dass die Herrschaft des bestgeeigneten Faqihs unerlässlich ist. Es ist an dieser Stelle wichtig zu erwähnen, dass die Gläubigen beispielsweise in Europa, also dort, wo sie in der Minderheit sind, das dortige Gesetz niemals brechen dürfen! Sie müssen sich an die Gesetze halten. Aber wenn es einen Streit zwischen zwei Muslimen gibt, dann sind sie verpflichtet, den Streit durch einen Faqih beizulegen. Wenn der Streit aber mit einem Nichtmuslim stattfindet und es zu einem Gerichtsverfahren kommt, sind die Muslime verpflichtet, den Rechtsspruch des Gerichts zu akzeptieren und sich danach zu halten!

Die islamische Welt sieht sich tagtäglich mit neuen Ansichten konfrontiert (z. B. kommt jemand, der behauptet, Imam al-Zaman zu sein, ein Prophet zu sein, mal wird der Qur’an entehrt oder der Prophet (s.) erniedrigt, Erneuerungen in den islamischen Gottesdiensten, wie z. B. das Einführen der dritten Schahadah („aliyyun waliyullah“) im Gebet, Erneuerungen in Aschura-Ritualen usw. In jeder Zeit kommt ein neuer Salman Rushdie zum Vorschein. Wenn es eine richtige islamische Führung gibt, wenn es die Herrschaft durch den bestgeeigneten Faqih (Wilayat al-Faqih) gibt, dann gibt es für all diese Erneuerungen und Angriffe auf den Islam eine Antwort und Lösung, wie z. B. die Antwort Imam Chomeinis auf Salman Rushdie. Oder heute der Boykott zionistischer Waren und das Verbot des Krawatte-Tragens. Und wenn es diese Wilayat al-Faqih nicht geben würde, könnte der Islam bis zur Wiederkehr Imam al-Zamans (a.) diesen Problemen nicht die Stirn bieten.

Zusammengefasst: Wenn es Wilayat al-Faqih nicht gibt, dann können die islamischen Regeln und Normen (Ahkam) nicht durchgesetzt und angewendet werden. Allah, der Prophet (s.) und auch die Imame (a.), wären auf keinen Fall damit einverstanden, dass die islamischen Regeln und Normen nicht durchgesetzt werden. Im Gegenteil: Der Prophet und die Imame haben sich immer dafür eingesetzt, dass diese Regeln umgesetzt und eingehalten werden (und eine islamische Regierung aufgebaut wird).

Das Traurige an den Muslimen ist, dass sie oft den Geist der islamischen Regeln verloren haben, wie z. B. in den Aschura-Trauerritualen. Es wird getrauert, aber keiner weiß weshalb. Die Trauer muss aufrecht erhalten werden, um die Botschaft Imam Hussains (a.) aufrechtzuerhalten, um den Aufschrei gegen das Unrecht nicht verstummen zu lassen, die Rituale an sich sind nur ein Mittel.

Durch die Propaganda der Feinde des Islam sagen sogar viele Muslime, dass die Religion von der Politik getrennt sei und was die Gelehrten denn mit der Regierung und der Politik zu tun hätten? Nach Ansicht vieler Muslime grenzt es an Kuffr (Unglauben), wenn sich der Faqih an Politik und Regierung beteiligt – was für ein Irrglaube!

Die Regierung und Führung ist nur das Recht der Guten und Aufrichtigen und nicht der Ungerechten und Unterdrücker. Wenn die Regierung etwas Schlechtes wäre, dann wären im Qur’an die islamischen Regierungen und Führungen, beispielsweise von Prophet Dawud (a.), Prophet Sulayman (a.) und anderen aufrichtigen Dienern Allahs nicht erwähnt worden. Und auch der Prophet (s.) hätte keine islamische Regierung errichtet.

Der bestgeeignete Faqih, in dessen Herzen die Ehrfurcht Allahs ist, der nicht nach materiellem (z. B. Geld, weltliche Ehre) strebt, dessen Charaktereigenschaften ein Vorbild sind alle islamischen Ahkam (Regeln) einzuhalten, der sowohl über die islamischen Regeln und die Politik Wissen hat, der alle Gesetze kennt und gerecht ist, der die Verantwortung aller Gelehrten auf sich vereinigt, als Hauptverantwortlicher der Gelehrten (Waliy al-Faqih) aufsteht und eine Regierung errichtet, erfüllt genau jene Position der Wilaya (Leitung/Regierung), die der Prophet (s.) zu seiner Zeit errichtet hatte. Alle Muslime sind verpflichtet, dieser Regierung und Führung zu folgen und sie zu beschützen.

Imam Ali (a.) sagt: „Ein Hakim (Befehlshaber) ist für die Menschen notwendig. Ob er ein Unterdrücker ist oder aber ein Gerechter.“ (Nahdsch-ul-Balagha, 4. Predigt)

Nun kann jeder selber entscheiden, welche Regierung und Führung die bessere ist: die eines Ungerechten, Ungläubigen oder die des bestgeeigneten, gerechten Faqih, der die Gesetze kennt und gerecht handelt? Jeder kann mit seiner Vernunft (Aql) und Ehrlichkeit feststellen, was besser ist und braucht keine weiteren Beweise für das System der Wilayat al-Faqih.


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