Wann fängt die Bescheidenheit an?


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Eigenlob wird kein angenehmer Duft nachgesagt. Vielmehr stinkt Eigenlob und viele stößt arrogantes und hochmütiges Verhalten ab. Hingegen empfinden die meisten Menschen eine gewisse Sympathie gegenüber bescheidenen Menschen. So sagt Imam Ali ibn Abi Talib, der Friede sei auf ihm:

„Die Frucht, die aus der Bescheidenheit eines Menschen resultiert, ist die Beliebtheit.“

Aber, wann fängt die Bescheidenheit an? Nach einer Überlieferung ist die Bescheidenheit „die Krone des Menschen“. Das besondere an der Bescheidenheit ist, dass sich niemand für bescheiden erklären kann, sonst widerspricht er dieser Bezeichnung. Bescheidenheit ist eine Eigenschaft, die sich selbst verleugnen muss, um sich selbst nicht zu verraten. Denn hochmütig ist der Bescheidene, der sich bescheiden glaubt.

Religiöse Menschen sind bestrebt ein bescheidenes Leben zu führen und versuchen sich nicht imposant in den Mittelpunkt zu stellen. Auch ihre Taten tragen religiöse Menschen nicht gerne als Trophäen mit sich, um anderen zu imponieren. So fragte, nach einer Überlieferung, der Gottesgesandte Muhammad – der Frieden sei auf ihn und auf seine reine Nachkommenschaft – einen Muslim: „Warum sehe ich in dir nicht den Anmut des Gottesdienstes?“ Der Muslim fragte zurück: „Was ist der Anmut des Gottesdienstes?“ Daraufhin antwortete der Gottesgesandte: „Die Bescheidenheit.“

Auch ist die Bescheidenheit eine innere Einstellung und die vollkommenste Bescheidenheit ist – wie Imam Ali ibn Abi Talib sagt – die Bescheidenheit „…in Gegenwart seines Selbst“. Also ist Bescheidenheit keine Show, die man abziehen kann, sondern vielmehr eine innere Haltung.

Vollbringt ein Mensch eine gute Tat und geht sogar davon aus, dass jene Tat eine gute Tat ist, wird es schwer mit der Bescheidenheit. Erst wenn die Tat selbst als unwichtig – aber nötig – betrachtet wird, kann wahre Bescheidenheit entstehen. Erst wenn eine tiefe Dankbarkeit gespürt wird, jene Tat vollbringen zu dürfen, kann wahre Bescheidenheit entstehen. Imam Ali Zain-ul-Abidin – der Friede sei auf ihm – bittet Gott im „Bittgebet der moralischen Erhebung“ [makarim-ul-achlaq]: „[…] wenig Aufhebens machen um das Gute in meinen Worten und Taten, auch wenn es viel sein sollte“. Denn wenn man um seine guten Taten wenig Aufhebens macht und diese Taten als Selbstverständlichkeit versteht, fällt Bescheidenheit hinterher – auch bei Lob – nicht mehr schwer.

Denn wahre Bescheidenheit beginnt nicht nach der Tat! Auch wenn ein Lob im Anschluss der guten Tat abgewimmelt und vom Vollbringer gering geredet wird. Die wahre Bescheidenheit beginnt auch nicht während der Tat, bei der man überzeugt ist, etwas Wichtiges zu tun und kein Lob erwartet. Nein! Die wahre Bescheidenheit beginnt bereits vor der guten Tat, denn wenn ein Bescheidener seine gute Tat zu wichtig nimmt, kann sie nicht bescheiden vollbracht werden.

Einige haben bei dieser These die bedenken, dass womöglich niemand von ihren guten Taten erfährt, wenn sie es nicht in die Welt posaunen und im schlimmsten Fall als nicht verrichtet erachtet wird. Dabei geht es nicht darum, ob andere unsere guten Taten sehen oder spüren, vielmehr geht es darum was wir dadurch werden. Und wir entwickeln uns durch unsere Taten auch dann, wenn keiner da ist, der es bezeugen könnte. Denn Bescheidenheit selbst ist ein Gottesdienst, oder wie Imam Ali ibn Abi Talib sagt:

„Sei bescheiden, denn es ist eines der besten Gottesdienste.“

 


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